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Was haben William Shakespeare und Miguel de Cervantes Saavedra gemeinsam? Na klar, beide sind so etwas wie Superstars des klassischen Literaturbetriebs. Der eine, Shakespeare, gilt als größter Dichter und Dramatiker aller Zeiten. Der andere, Cervantes, ist der Begründer des modernen Romans. Sein Don Quijote gilt sogar als “bester Roman der Welt”: Das bescheinigte ihm eine vom Osloer Nobel-Institut organisierte Umfrage unter den 100 bekanntesten Schriftstellern im Jahr 2002.

Beide Autoren haben aber noch etwas gemein: Sie sind am 23. April 1616 gestorben. Über das genaue Datum lässt sich streiten, denn neueste Erkenntnisse legen nahe, dass Cervantes eigentlich einen Tag früher das Zeitliche segnete – hinzukommt, dass damals in England der julianische Kalender verwendet wurde, während in Spanien bereits der gregorianische Kalender galt.

Die UNESCO hält sich mit solchen Haarspaltereien nicht auf und kürte den 23. April im Jahr 1995 zum World Book Day, dem Welttag des Buches.*

In über 100 Ländern feiern Buchfreunde mit Aktionen, Veranstaltungen, Lesungen die besondere Kraft des Buches und seine Stellung als Schlüsselmedium für unsere Bildung. Vor allem junge Menschen sollen so ans Lesen herangeführt werden – wie zum Beispiel bei den in Großbritannien lancierten Gutscheinaktionen, die jedem Kind und Jugendlichen ein Buch spendieren.

Ist ein solcher Tag nicht hoffnungslos anachronistisch? In einer Zeit, die vor allem von schnellem „snackable content“ lebt – morgens ein paar Newsfetzen auf dem Tablet, abends ein bisschen „special interest“ und zwischendurch ganz viel emotionalisierter Social-Media-Nachrichtenbrei auf dem Handy. Wer liest denn da noch Bücher? Mehr Menschen, als man denkt. Und betrachtet man Statistiken, ist ihre Zahl überraschend stabil. Nicht alle nehmen ein papiernes Buch in die Hand, sie lesen auf dem Tablet oder dem E-Reader. Rund ein Viertel der Deutschen greift zum elektronischen Buch (Quelle: Bitkom 2016). So oder so: Sie lesen. In der Bahn, im Flieger, im Hotel, am Strand. Man könnte meinen, je schneller und oberflächlicher die täglichen Massenmedien, desto bewusster entscheiden sich Leser für eine Entschleunigung – indem sie abtauchen in die Literatur.

Öffentlicher Ausdruck dieses Trends sind Lesezirkel wie die englische Initiative „The Reader“, wo Menschen regelmäßig zusammenkommen, um einander laut vorzulesen. Dieses Konzept des „shared reading“ wird von den Teilnehmern als außerordentlich bereichernd empfunden, denn man nähert sich den Texten ganz unvoreingenommen und spricht darüber, was sie im Einzelnen auslösen. Seit 2016 gibt es mit den „Literarischen Unternehmungen“ eine solche Lesegruppe auch in Berlin. Die Veranstalter wollen ihr Konzept auf weitere Städte ausdehnen und auch in Gefängnissen oder Psychiatrien anbieten. Lesen ist für viele Menschen nicht nur Spaß, sondern kann sogar Therapie sein. Die Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie (DGPB) forscht und arbeitet in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf diesem Gebiet. Ihre Mitglieder arbeiten in Kliniken, Praxen und Selbsthilfegruppen, helfen bei der Betreuung von chronisch Kranken, in der Rehabilitation, Seelsorge und Trauerbegleitung. Gibt es einen schöneren Beweis dafür, was das Buch kann?

Kürzlich verriet mir ein Freund, dass er die Spielsachen seiner vierjährigen Tochter bewusst begrenze. Auch Freunde und Großeltern müssen sich an dieses Gebot der Beschränkung halten. Nur Bücher könne sie so viele haben, wie sie möchte. Vielleicht, weil er selbst ein Intellektueller und Büchernarr ist. Vielleicht, weil er es mit seiner Tochter einfach gut meint.

*Randnotiz: Großbritannien und Irland haben ihr eigenes Datum für den World Book Day bereits im März.

Christian Mascheck

About 

Christian Mascheck schreibt seit 2000 für getAbstract und hat annähernd 300 Wirtschafts- und 200 Klassikerabstracts verfasst. Er arbeitet als freier Journalist, PR-Berater und Content Marketing Spezialist in Hamburg.

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