Hintergrund

MEDIENLESE: Peter Handke, der Nobelpreis und ein Kritikerbeben

Photo by Janko Ferlic from Pexels

Die Empörung über die Nobelpreisvergabe an Peter Handke war groß – und die Genugtuung auch. „Eine Ohrfeige für die politische Korrektheit“, frohlockte der Literaturkritiker Denis Scheck. Er sei „erschüttert, dass so was prämiert wird“, entgegnete der diesjährige deutsche Buchpreisträger Saša Stanišić. Was ist passiert?

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Seit Wochen schreien Gegner und Befürworter der diesjährigen Vergabepolitik des Nobelkomitees laut aneinander vorbei, wobei gefühlt die Empörten in der Mehrheit sind. Immer wieder geht es in der Diskussion zu Peter Handkes Auszeichnung um die Trennung von Werk und Mensch: „Dann darf ich auch keinen Woody Allen-Film mehr anschauen“, argumentieren trotzig die einen. (Tatsächlich wird dessen jüngster Film aufgrund der – weiterhin unbewiesenen – Missbrauchsvorwürfe in den USA nicht gezeigt). „Persönliche Verfehlungen sind nicht mit der Banalisierung von Massenmord zu vergleichen“, betonen die anderen.

Ich selbst bin keine Handke-Jüngerin. Ich kenne seine Publikumsbeschimpfung, ein Stück, mit dem der 23-Jährige 1966 den wirtschaftswunden deutschen Kleinbürger aus dem Theater jagte, das aber heute den hippen Bildungsbürger eher zum Gähnen als um die Fassung bringt. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter war bei uns damals Schullektüre, und Wunschloses Unglück über den Selbstmord der eigenen Mutter steht seit langem auf meiner Leseliste. Was Handke aber in den vergangenen 30 Jahren zu Papier gebracht hat – da sind sich selbst die meisten seiner Fans einig – kann man getrost vergessen. Und bei der Lektüre der wenigen Interviews, die der medienscheue Handke zuletzt gegeben hat, setzt sich vor allem ein Eindruck fest: Unübertroffen bleibt er als eitler Sprachkünstler und Misanthrop. Als solcher sagt er Sätze wie: „Glück ist ein Scheiß. Freude ist was anderes. Und zweisilbige Wörter sind schöner als einsilbige.

Die heiß debattierte Frage, ob er den Nobelpreis aufgrund seiner dichterischen Qualitäten „verdient“ hat, kann und will ich nicht beantworten. Kunst ist immer subjektiv. Zwar gibt es objektive Bewertungskriterien. Ansonsten könnte der Literaturnobelpreis auch abgeschafft werden – was Handke übrigens selbst aufgrund der seiner Ansicht nach „falschen Kanonisierung“ 2014 forderte. Doch die Gewichtung dieser Kriterien ist individuell unterschiedlich, diskutabel und abhängig vom Hintergrund des Bewertenden. Nicht umsonst stammen rund 80 Prozent aller seit 1901 Prämierten aus Europa und den USA und sind zu 87 Prozent männlich.

Kunst ist aber nicht nur subjektiv, sondern oft auch subversiv. Handkes Landsmännin Elfriede Jelinek hält Widerspruch sogar für das ureigene Wesen von Kunst: „Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als einzige in die andre, das ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht.“ Also auf nach Syrien, die elende Journaille abklatschen und dem Diktator Assad moralischen und literarischen Beistand leisten? „Ein Vierteljahrhundert später winkt dann vielleicht der Nobelpreis“, konstatierte Michael Martens treffend in der FAZ.

Anders als in manchen #MeToo-Fällen geht es hier nicht um Kunst im Lichte menschlicher Abgründe. Sicher, Handke hat sich auch wiederholt sexistisch geäußert, seine Partnerin und einen Journalisten geschlagen; Kritiker wie den verstorbenen Marcel Reich-Ranicki bezeichnete er als „übelstes Monstrum, das die deutsche Literaturbetriebsgeschichte je durchkrochen hat.“ Geschenkt. Er ist nicht der erste Rüpel mit Schreibtalent und wird nicht der letzte bleiben. Doch seine Haltung während der jugoslawischen Sezessionskriege ist etwas qualitativ anderes. Sie ist nicht privat, sondern politisch. Noch bevor der Begriff überhaupt erfunden war, wurde Handke zum Pionier alternativer Fakten.

In einem Text über die ethnischen Säuberungen an muslimischen Bosniern in Višegrad stellt sein Erzähler die Täterschaft barfuß laufender serbischer Milizen in Frage: „Die ganze Stadt ein Spielraum für nichts als die paar Barfüßler im Katz- und Maus mit ihren Hunderten von Opfern?“ Und: „Wie konnte solch freihändiger Terror sich austoben gegenüber einer mehrheitlich muslimischen, für den Krieg längst schon gut gerüsteten, überdies noch die Obrigkeit stellenden Bevölkerung?“ Westlichen Journalisten warf er eine einseitige Berichterstattung über das Massaker in Srebrenica vor, bei dem mehr als 8000 Männer ums Leben kamen:Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung (…) wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?Ein Jahr später besuchte er zunächst die dortigen, noch blutverschmierten „mutmaßlichen Massakerstätten“, und traf sich dann mit Radovan Karadžić, der die Verbrechen in Auftrag gegeben hatte und zu dem Zeitpunkt bereits wegen Völkermords angeklagt war. Die beiden plauderten freundlich und tauschten Gastgeschenke aus. Schließlich machte sich Handke die Verschwörungstheorien serbischer Freischärler zu eigen, die behaupteten, bosnische Muslime hätten 1994 im eingekesselten Sarajewo ihre eigenen Leute erschossen, um so eine Nato-Intervention zu provozieren: „Ist es erwiesen, dass die beiden Anschläge auf Markale, den Markt von Sarajevo, wirklich die Untat bosnischer Serben waren?“ Journalisten, die verwundert nachfragten, kläffte er an, sie sollten sich „ihre Betroffenheit in den Arsch stecken.“

Natürlich ist keine Wahrheit über die Balkankriege absolut, die Schuldfrage bleibt in manchen Fällen ungeklärt. In anderen aber nicht. Opfer dieser Realitäten fragen sich zu Recht, was die Nobelpreisvergabe über ihren Stellenwert in der Geschichte sagt. „Dass ich hier heute vor ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat“, sagte der aus Višegrad stammende Stanišić in seiner Wutrede anlässlich der Verleihung des deutschen Buchpreises. Tatsächlich hat Handke einige seiner haarsträubenden Aussagen später relativiert, und auch der Kampfbegriff „Genozidleugner“ lässt sich kaum eindeutig belegen, wie der österreichische Literaturwissenschaftler Klaus Kastberger richtig bemerkte. Doch das ändert nichts an dem Entsetzen, das Stanišić und viele andere noch immer empfinden.

Manche Kommentatoren der Causa Handke erinnern an den Fall Knut Hamsun. Der Norweger, einer der größten Dichter der Moderne, erhielt 1920 für seinen Roman Segen der Erde den Literaturnobelpreis. Später schenkte er Joseph Goebbels seine Nobelpreismedaille und huldigte Adolf Hitler in einem Nachruf 1945 als „Krieger für die Menschheit und Verkünder des Evangeliums vom Recht aller Nationen.“ In Norwegen wurde er als Landesverräter vor Gericht gestellt und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Natürlich ist 1920 nicht gleich 2019, und Handke nicht gleich Hamsun. Aber es gibt eine Parallele: Beide stellten Visionen und Wunschdenken über Tatsachen und reale Schicksale. Der Sozialdarwinist, Rassist und Antisemit Hamsun glaubte an die natürliche Überlegenheit der „jungen deutschen Nation“ und an ihr Recht auf mehr Lebensraum. Handke glaubte an den sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien und an dessen Recht auf Selbsterhaltung. Noch vor wenigen Tagen rechtfertigte er in einem ZEIT-Interview seine Teilnahme an Slobodan Miloševićs Beerdigung mit den Worten: „Er hat bei einer der letzten Abstimmungen dafür votiert, Jugoslawien nicht aufzulösen. Sein Begräbnis war auch das Begräbnis von Jugoslawien. Hat man vergessen, dass dieser Staat gegen das Hitler-Reich gegründet worden ist?“

Allerdings besteht auch ein entscheidender Unterschied zwischen beiden Gläubigen: Hamsun erhielt den Nobelpreis lange bevor er sich zum Entsetzen prominenter Verehrer als Apologet des Bösen entpuppte. „Konnte er nicht das Maul halten?“, fragte Kurt Tucholski fassungslos. Handke bekam den Preis lange nachdem er die Opfer nationalistischer Gewalt verhöhnte und das auch nie bedauerte, wie er kürzlich noch einmal bekräftigte: „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur.“ Ach so. Was Tucholski wohl dazu sagen würde?

Die Norweger lesen Hamsun wieder, und sie diskutieren lebhaft über ihn. Als 2009 zum 150. Geburtstag des Dichters ein Hamsun-Zentrum in seinem Geburtsort eröffnet wurde, begründete die norwegische Königin ihre Mitwirkung mit der gebotenen Trennung von Mensch und Werk. Umgekehrt wurde Hamsun in Oslo bis heute kein Denkmal errichtet, kein Platz und keine Straße nach ihm benannt – aus Rücksicht vor den Opfern des Nationalsozialismus. Ich finde, diese Rücksicht hätten auch die Opfer von Srebrenica, Višegrad, Sarajevo und anderswo verdient. Anlässlich der Preisverleihung am 10. Dezember in Stockholm warten nun Befürworter und Gegner auf Peter Handkes Dankesrede: Wird er die Chance nutzen, sich zu erklären, vielleicht sogar zu entschuldigen? Oder wieder bloss sein Publikum und seine Kritiker beschimpfen? In einem NZZ-Interview kündigte er zwei Wochen vor dem Termin an, dass er sich stellen wolle. Und: „Es wird hoch hergehen.“ Eines jedenfalls hat die Schwedische Akademie mit ihrer Provokation erreicht: Wir reden wieder über Literatur. Manchmal zu laut, und oft aneinander vorbei. Aber immerhin.

Falls Sie noch mehr über Geschichtsklitterung und das Unwort des Jahres 2017 erfahren möchten, kann ich Ihnen den überzeugenden TED-Talk Behind the Lies of Holocaust Denial von Deborah Lipstadt empfehlen. Ein weiterführender Buchtipp zu einer der am heftigsten umkämpften Ressourcen unserer Zeit, den (historischen) Fakten, ist Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaards Postfaktisch.

 

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