Hintergrund

MEDIENLESE: Kaum Geld für weibliche Startups

91,6 Prozent der Tech-Startup-Investitionen in Europa gehen an männliche Gründerteams. Woran liegt’s?

In der neusten Umfrage zur Lage von Tech-Startups in Europa hat der Risikokapitalgeber atomico neue Zahlen zum Gründer-Ökosystem gesammelt. Über 1200 Gründerinnen und Gründer aus ganz Europa nahmen daran teil, davon waren 79 Prozent Männer, 21 Prozent Frauen. Eine Statistik in der sehr detaillierten Umfrage lässt nun besonders aufhorchen: Von 100 investierten Euro in diesem Bereich gehen nach Angaben der Teilnehmer knapp 91,60 Euro an Gründerteams, die ausschliesslich aus Männern bestehen. Gemischte Teams zogen immerhin noch 8 von 100 Euro externer Investitionen an, an reine Frauenteams gingen – genau – 40 Cents.

0,4 Prozent. Dieser ohnehin schon niedrige Wert ist noch nicht die schlechteste Nachricht: Im Vergleich mit den entsprechenden Vorjahreszeiträumen (Daten ab 2015; Höchstwert: 2,6 Prozent im Jahr 2017) ist das der niedrigste Stand seit Beginn der Umfrage. Wo liegen die Gründe?

Jessica von Blazekovic, Wirtschaftsredaktorin der FAZ, hat anlässlich eines siebenwöchigen Förderprojekts für Jungunternehmen in Berlin verschiedene Gründerinnen von mehreren Kontinenten zur aktuellen Situation befragt. Viele von ihnen glauben übereinstimmend, dass die meisten Investoren nicht bewusst diskriminieren, sondern sich „gern mit ihresgleichen“ umgeben – und die Tech-Branche sei nun einmal lang eine sehr männlich dominierte gewesen, und sei das immer noch, gerade wenn es um Investoren gehe. Im Prinzip haben also auch europäische Tech-Startups, die landläufig als progressiv-hippe Arbeitgeber gelten, dieselben Probleme wie die allermeisten 08/15-Companies in weniger „disruptiven“ Wirtschaftszweigen, die schon Gegenstand von Barbara B. Adams‘ modernem Klassiker Women, Minorities, & Other Extraordinary People waren (und der jede Menge Nachweise dafür anführt, dass stärker durchmischte Unternehmen sowohl wirtschaftlich wie organisatorisch besser funktionieren).

Eine der Befragten im aufschlussreichen FAZ-Beitrag ist Sumiti Saharan, Mitgründerin von Together for Her, eines Programms, das die Müttersterblichkeit in Indien mit Technologie bekämpfen will. Sie meint, dass die 0,4 Prozent vom Investitionskuchen kein „verhaltensökonomischer Unfall“ der Branche sind: „Als Frau bekommst du Komplimente für deine Ideen. Sobald es aber ums Geld geht, sollen wir still sein“, sagt sie. Was Cornelia Edding in Herausforderung Karriere. Strategien für Frauen auf dem Weg nach oben schon 2016 für die Vergabe von Toppositionen in der Wirtschaft feststellte – „Ganz oben wird fast exklusiv aus den Netzwerken derer rekrutiert, die schon dort sind.“ – gilt offenbar neben dem Recruiting auch für die Finanzierung von Tech-Startups.

Grund zum Optimismus, wenn es um die Themen Diversity, gar explizit um Frauen im Wirtschaftsleben und künftige Investitionsvolumina geht, besteht allerdings trotzdem – interessanterweise genau in jenen Deep-Tech-Branchen, die enormes Zukunftspotenzial haben. Ein Beispiel: Quantum Computing (wir haben einen englischsprachigen Channel dazu). Hier machen gemischte oder rein weibliche Gründerteams in Europa bereits 23 Prozent (europäischer Durchschnitt bei Tech-Startups: 13 Prozent) aus, was im Vergleich zu Nordamerika (17 Prozent), aber auch weltweit (19 Prozent) die Aussichten etwas aufhellt. Hinzu kommt, dass in vielen europäischen Ländern der Anteil an Studentinnen in für die Branche essenziellen Fächern steigt – in mehreren Ländern macht sie heute schon über 50 Prozent aus, denn die Aussichten auf einen anständig bezahlten Arbeitsplatz in einem spannenden Umfeld sind sehr gut.

Stellt man dann noch in Rechnung wie sich Potenzial und Märkte für Quantencomputer (und Tech-Branchen, in denen die Entwicklung ähnlich aussieht) entwickelt haben und weiter entwickeln dürften – Christian J. Meier (Neue Zürcher Zeitung) und Marco Reinke (Handelsblatt) haben das kürzlich ansprechend zusammengefasst –, wird künftig wohl deutlich mehr Geld in das Tech-Startup-Ökosystem fliessen. Und hier insbesondere in Startups, die heute bereits erfolgreich sind, und zwar (nicht nur) bei der gemischten Zusammensetzung der Geschäftsleitung.

Wer noch mehr zum Thema wissen will, findet folgende Kanäle mit relevantem Wissen bei getAbstract: Diversity, Frauen im Wirtschaftsleben, Unternehmensgründung, Technologie, Technologiebranche, Digitale Transformation.

%d Bloggern gefällt das: