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“Unser Blick auf China war sehr naiv”

Kai Strittmatter, Foto Anton Turovinin (Piper Verlag)

Das „Reich der Mitte“ ist wieder da. Allerdings nicht so, wie man sich das im Westen vorgestellt hatte: Während die chinesische Wirtschaft wächst, schwinden die Freiheiten der Bevölkerung, sagt China-Kenner Kai Strittmatter. Das Repressionssystem, das diesem Wandel zugrundeliegt, entwickelt sich nun zum Exportschlager.  


getAbstract:
Herr Strittmatter, in Ihrem Buch „Die Neuerfindung der Diktatur“ befassen Sie sich mit einem vermeintlichen Widerspruch, den China offenbar aufzulösen imstande ist: das „Reich der Mitte“ ist eine florierende Marktwirtschaft, die internationale Gesellschaft für Menschenrechte führt das Land aber als „Unrechtsstaat. Lange ging man davon aus, dass beides gleichzeitig nicht auf Dauer möglich sei. War die Annahme falsch oder haben sich die Spielregeln geändert?

Kai Strittmatter: Im Westen hoffte man stets auf das Prinzip „Wandel durch Handel“. Die Idee: Wenn wir nur genug Geschäfte miteinander machen und die Chinesen dadurch ihr Wirtschaftsleben dem unseren anpassen, dann werden auch Gesellschaft und Politik offener und freier. Das ist nicht passiert, im Gegenteil: seit sieben Jahren, seit dem Amtsantritt Xi Jinpings, entwickelt sich China politisch rückwärts – und zwar in eine Diktatur, die gleichzeitig hochmodern und hochrepressiv ist. Unser Blick auf China war also sehr naiv.

Gesellschaftlich ist aber doch sehr wohl einiges passiert: es hat sich eine grosse Mittelschicht gebildet, die die Welt bereist, gebildet ist, auch vergleichsweise wohlhabend.

In China war in den letzten vierzig Jahren tatsächlich so etwas entstanden wie eine Zivilgesellschaft. Deng Xiaoping hatte Schluss gemacht mit dem Führerkult, der Ein-Mann-Politik, der Zentralisierung der Macht in Maos China. Man erlaubte mehr Experimente, vor allem auch wirtschaftliche Experimente in Städten, Regionen, Provinzen.

Und diese legten den Grundstein für das chinesische Wirtschaftswunder der letzten dreißig Jahre?

Ja. Tatsächlich begannen dann auch viele Menschen, sich anders zu organisieren. Es entstanden Umweltschutz-, Bürgerrechts- und religiöse Gruppen, Sportvereine, die nicht mehr unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei standen. Das ist, was unsere Wirtschaftsleute und Politiker gesehen haben, wenn sie hingeflogen sind, und das ist es auch, was sie zu der Annahme verleitet hat, dass der Fortschritt auch die politische Sphäre erreichen würde. Das ist aber nicht passiert. Aus einem einfachen Grund:

Die Kommunistische Partei hat den Kern ihres politischen Anspruchs der Alleinherrschaft nie aufgegeben.

Sie trug immer den Keim des Totalitären in sich – und der wird nun von Xi Jinping wieder aktiv bewirtschaftet.

Was heißt das konkret?

Xi Jinping wurde 2012 Parteichef und fast gleichzeitig, 2013, der neue Staatspräsident der Volksrepublik. Mit dieser Machtfülle ausgestattet, hat er die Uhren in nur sechs Jahren wieder zurückgedreht: Er hat den Westen wieder als ideologischen Feind identifiziert, die Repression zurückgebracht, den Führerkult, die Ein-Mann-Diktatur.

Was hält sein Machtgebäude in einem Land zusammen, das von enormen internen Spannungen – riesiges Wohlstandsgefälle, immense Umweltzerstörungen und die tickende Zeitbombe demographischer Überalterung, um nur drei zu nennen – geprägt ist?

Einerseits bringt er rhetorisch und machtpolitisch den Sozialismus der fünfziger Jahre zurück: Militärische Machtdemonstrationen, überbordender Nationalismus, starke Führerfigur. Das allein müsste außerhalb Chinas niemandem Sorgen bereiten – denn 50er-Jahre-Kommunisten haben wir in der Welt schon mehrfach scheitern sehen. Xi Jinping steht aber nur mit dem einen Bein in der Vergangenheit. Mit dem anderen stürzt er sich und China in die Zukunft: Sein Regime kombiniert die alte Ideologie mit den Informationstechnologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts und versucht, aus dem historisch gescheiterten ein künftig haushoch überlegenes System zu machen. Er erfindet die Diktatur digital neu.

Das ändert aber doch nichts daran, dass geschlossene Systeme – seien es nun politische oder wirtschaftliche – in einer hochkompetitiven Welt keine wirkliche Aussicht auf ein langes Überleben haben, oder?

Da wäre ich mir nicht so sicher. Klar: Die Unterdrückung, die Repression durch Terror mit Waffengewalt als Alltagserfahrung, die früher zentraler Bestandteil totalitärer Regimes war – etwa in Stalins oder Maos Sozialismus –, sehen Sie heute in China kaum noch. Der Terror ist aber noch da, er schwingt meist einfach nur im Hintergrund mit: Die Chinesen wissen, dass das System zu Dingen fähig ist, die man lieber nicht am eigenen Leibe erleben möchte. Und sie handeln entsprechend, indem sie sich anpassen.

Wie erreicht die Partei diese freiwillige Unterwerfung, von der Sie sprechen?

Einerseits bekommen die Chinesen die Macht der KP wieder durch Schau- und Musterprozesse vorgeführt, in denen „Dissidenten“ publikumswirksam und ohne echten Prozess zu 20 oder 30 Jahren Haft verurteilt werden. Diese Prozesse sind wie die Anklagen willkürlich, und deshalb so effektiv – denn sie können jeden treffen, jederzeit. Xi Jinping kombiniert diese Repression mit flächendeckender Zensur, Propaganda, Gehirnwäsche. Und das funktioniert. Das Narrativ der Partei wird den Leuten von der Wiege bis zur Bahre auf allen Kanälen verfüttert, Alternativen dazu gibt es nicht, weder im Alltag noch im Netz.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass die KP gleichzeitig an den wieder erwachten Stolz der Menschen appelliert. Welchen Erfolg verspricht diese Kombination?

Sie nährt das Empfinden des „Wir sind wieder da! Wir sind mächtig! Wir sind stark! Denn: Xi Jinping ist stark! Und er macht unsere Nation wieder zur Nummer Eins in der Welt!“

Die Leute werden geradezu hinweggetragen von diesem ideologischen Mix aus nationalem Stolz und der Aufbruchs- und Aufstiegsstimmung, die ungleich wirkmächtiger zelebriert wird als etwa der „American Dream“ in den USA.

Die Chinesen betrachten nun sogar die Social-Credit-Systeme als Chance zur Verbesserung ihrer Gesellschaft. Dabei ist dieses Projekt natürlich ein Puzzleteil in dem Panorama der High-Tech-Repression. Schon das geringste Abweichen von der gewünschten Norm kann zu einer dramatischen Herabstufung einzelner Menschen, aber auch von Firmen oder Institutionen wie NGOs führen. Soziale Ächtung und Selbstzensur haben dann zur Folge, dass die KP gar nicht mehr offen terrorisieren muss – die Leute kontrollieren sich im Sinne des Systems selbst.

Vom Social-Credit-System wird auch jenseits Chinas viel geredet. Wie es genau funktioniert, ist allerdings unklar. Können Sie etwas Licht ins Dunkel bringen?

Dass es keine einheitlichen Informationen dazu gibt, liegt daran, dass aktuell verschiedene solche Systeme getestet werden, und zwar auch in verschiedenen chinesischen Regionen und Provinzen. Landesweit soll das System schon im nächsten Jahr eingeführt werden, es ist aber unklar, welches der Pilotprojekte sich durchsetzt oder ob es überhaupt ein landesweit einheitliches Modell geben wird.

Welches setzt sich Ihrer Ansicht nach am ehesten durch?

Das bei der Partei lange populärste Modell, ist das in der Kleinstadt Rongcheng in der Provinz Shandong getestete. Diese Stadt ist im Grunde ein großes Versuchslabor: Jeder Bürger ist in das digitale System eingebunden und wird rund um die Uhr bewertet. Man startet mit 1000 Punkten, und je nachdem, wie man sich verhält und welche Kontakte man hat, bekommt man Punkte hinzu oder abgezogen. Hast du deine Steuern fristgemäß bezahlt? Plus. Gehst du pünktlich zur Arbeit? Plus. Gehst du bei Rot über die Ampel? Minus. Kaufst du mehr Alkohol als der Durchschnitt? Minus. Behandelst du deine Eltern gut? Plus. Das alles hat Einfluss auf deinen Score. Die Ingenieure des vom Alibaba-Konzern betriebenen privaten Social-Credit-Projektes „Sesame Credit“ haben verraten, dass junge Männer, die regelmäßig Windeln kaufen gehen, als vertrauenswürdiger gelten als solche, die nächtelang Online-Games zocken oder aber online die falschen – weil im Ranking schlecht bewerteten – Freunde haben.

Was ist das Ziel dieses Systems?

Das offizielle Ziel ist, die Menschen in zwei Kategorien einzuteilen. Die KP sagt dazu ganz offen: Wir müssen dafür sorgen, dass die Vertrauenswürdigen „frei unter dem Himmel umherschweifen können“, während den Vertrauensbrechern im Land „kein Schritt mehr möglich sein darf“.

Und wer im Ranking nicht den Anforderungen genügt, wird bestraft?

Durchaus. Sie können dann etwa Flugzeuge oder Hochgeschwindigkeitszüge nicht mehr benutzen oder das Land nicht mehr verlassen. Es gibt eine schwarze Liste, die schon vor sechs Jahren der Oberste Gerichtshof eingeführt hat. Neuerlich kommuniziert diese Liste auch direkt mit den Sozialkreditsystemen und allein im Jahr 2018 wurden Chinesen, die sich aufgrund eines ungenügenden Rankings auf der Liste befanden, mehr als 20 Millionen Mal davon abgehalten, sich ein internationales Flugticket zu kaufen.

Wieso regt sich dagegen kein Widerstand?

Weil viele Chinesen das System unterstützen, da sie mit der Parteipropaganda glauben, es mache die Leute und auch die Firmen im Land ehrlicher und bestrafe Betrüger und Schwindler. Der feine Unterschied zum Rechtssystem etwa des Westens: Sie müssen gar keine verbindlichen Gesetze brechen, um im Ranking zu fallen. Und es werden auch politische Sünden bestraft. Die von der KP programmierten Algorithmen entscheiden von Fall zu Fall, was positiv, richtig und gut ist – und was nicht.

Das System kann also nach Gutdünken skaliert und im Sinne der Partei angepasst werden?

Klar. Die meisten Minuspunkte erhalten Sie in der Stadt Rongcheng, wenn Sie sich in einem Onlinekommentar kritisch zur Partei äußern oder aber an „illegalen religiösen Aktivitäten teilnehmen“. Tun Sie das, verweigert das Drehkreuz im Schnellzugterminal am nächsten Tag vielleicht den Dienst – und Sie selbst wissen vielleicht nicht mal, warum. Sie zensieren sich und Ihre Nächsten also vorbeugend selbst, wenn Ihnen das nicht passieren soll. Am Ende soll jeder sein eigener Polizist werden.

Sie haben eben von Schwarzen Listen gesprochen – auf einer solchen stehen nun auch chinesische Unternehmen und Regionalregierungen, allerdings in den USA. Im Handelsstreit mit China setzen US-Behörden seit Oktober 2019 auf Sanktionen für Institutionen, die sich an Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Xinjiang beteiligt haben sollen.

Eine Reaktion auf die Lager in Xinjiang war überfällig, ja.

Handelt es sich dabei um die Besinnung der USA auf die Verteidigung von Freiheitsrechten oder ist das nur ein durchschaubarer handelspolitischer Winkelzug?

Tatsächlich begrüßen Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International und Human Rights Watch den Schritt, auch wenn man über die Motive der amerikanischen Regierung streiten kann: Donald Trump ist nicht als Menschenrechtler bekannt, bei ihm ist immer die Gefahr, dass er solche Maßnahmen nur als Verhandlungsmasse einsetzt im Handelskrieg. Immerhin ist es das erste Mal, dass überhaupt irgendein Staat praktische Schritte gegen die Unterdrückung von Uiguren und anderen vorwiegend muslimischen Minderheiten in Xinjiang unternimmt. Mehr als eine Million Menschen sind in der Region innerhalb von anderthalb, zwei Jahren in dem neu geschaffenen Gulag „verschwunden“ – weltweit gab es in den letzten Jahrzehnten keine vergleichbaren Menschenrechtsvergehen.

Inwiefern macht es Sinn, die – immerhin zum Teil – privaten Firmen zu bestrafen, wenn es um Verletzungen der Menschenrechte geht, die mutmaßlich von der Politik angeordnet werden?

Die betroffenen Firmen sind chinesische Tech-Companies, die nicht nur die Lager, die insgesamt um ein Vielfaches grösser sind als ihre berüchtigten Pendants in Nordkorea, mit passender Überwachungstechnik ausstatten.

Die Behörden haben mithilfe dieser Firmen die ganze Provinz in ein Hi-Tech-Freiluftgefängnis verwandelt.

Xinjiang ist das Labor für den Hi-Tech-Überwachungsstaat. China testet diese Technik dort quasi am „lebenden Objekt“. Jeder weiß das, niemand kann so tun, als sei die Bereitstellung der Technik in diesem Kontext wertfrei. Trotzdem berühren wir hier einen heiklen Punkt: die Verantwortlichen in den Unternehmen haben eigentlich gar keine Wahl, weil freies Privatunternehmertum in unserem Sinne – rechtsstaatlich abgesichert vor staatlicher Willkür und stets eigenverantwortlich handelnd – in China schlicht nicht existiert. Das heisst: Chinesische Unternehmen tun, was die Kommunistische Partei von ihnen will. Eigentlich müssten die Sanktionen also, wenn sie konsequent wären, auch Verantwortliche der Zentralregierung treffen und größere Firmen, die in Chinas internationaler Strategie eine zentrale Rolle spielen, aber auf der schwarzen Liste bisher nicht zu finden sind.

Zum Beispiel?

Etwa Huawei. Ich beschreibe dieses Beispiel in meinem Buch: Vor zwei Jahren wurde auch Huawei als neuer Player im High-Tech-Lagerstaat von Xinjiang willkommen geheißen. Der Vize-Polizeiminister Xinjiangs begrüßte das Unternehmen bei der Eröffnung des dortigen Standorts als „neuen Soldat“ im „Kampf um ein friedliches Xinjiang“. Und der zuständige Huawei-Manager, der damals auch der Huawei-Manager für Westeuropa war, hat sich mit ebenso glühenden Worten bedankt und unterstrichen, dass Huawei für diesen Kampf und die „nationale Sicherheit“ alles tun wird.

Heute liegt China bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung schon auf Platz zwei hinter den USA. Bis 2030 will es Weltspitze im Bereich künstliche Intelligenz werden – mit Huawei als „First Mover. Absehbar ist also eine exportorientierte Kombination zweier Zukunfts- und Schlüsseltechnologien: Überwachungstechnik und Künstliche Intelligenz…

Diese Exportwirtschaft existiert längst. Es gibt exzellente Studien darüber, wie die Demokratie weltweit schon durch den chinesischen Export von Überwachungs- und Zensurtechnik unterwandert wird. Etwa die „Freedom in the World“-Studie des amerikanischen Think-Tanks Freedom House: Schon im März 2018 stellte sie fest, dass in 36 von 65 untersuchten Ländern chinesische Überwachungstechnik zum Zuge kommt. Und in einem halben Dutzend dieser Länder kommt nicht nur die Technik zum Zug – diese Länder importierten die chinesische Gesetzgebung gleich mit! Vietnam und Saudi-Arabien sind zwei konkrete Beispiele.

Wie genau geht dieser doppelte Import vor sich?

Einer der Hauptexporteure ist Huawei. Das Unternehmen bietet seine Produkte an, wie auch große Silicon Valley-Firmen das tun: als „smart“. Ein Exportschlager ist also Huaweis „Smart City“-System, das vornehmlich von Stadtregierungen auf der ganzen Welt nachgefragt wird. Aktuell nutzen schon über zweihundert Städte dieses System – Tendenz steigend, denn das System tut, was es soll: Von der intelligenten Abwassersteuerung bis zur Gesichtserkennung in öffentlichen Toiletten ist in dem Paket alles dabei, löst ganz reale Probleme. Huawei bietet dabei zwar verschiedene Module an, will aber natürlich am liebsten das ganze Paket verkaufen. Im Gespräch mit den politischen Verantwortlichen sagen sie: „Klar, du kannst dich nur für Module A, B und C interessieren, also vielleicht Kanalisation, Verkehr und Energieversorgung ’smart‘ machen. Wir empfehlen dir aber, Modul D – flächendeckende Videoüberwachung mit Gesichtserkennung – gleich und zum Sonderpreis mitzunehmen. Denn dann verbessert sich automatisch und über Nacht auch die öffentliche Sicherheit in deiner Stadt…“

„…und du wirst als Bürgermeister wiedergewählt?“

Genau. Und nun sind Sie dieser Bürgermeister, etwa der von Karatschi oder Lagos, bald ist wieder Wahl, und das Angebot ist auch noch viel günstiger als das der Konkurrenz. Was tun Sie? Sie schlagen zu! Diese Städte, zum Teil ganze Länder, haben eben ein Hauptproblem: die Kriminalität, die öffentliche Sicherheit. Mit flächendeckender Überwachung sinken dann über Nacht die Kriminalitätsraten, die „digitalisierenden“ Bürgermeister werden gefeiert. Natürlich kurieren diese Systeme niemals die Wurzeln des Problems – Armut, Ungerechtigkeit etc. –, aber die öffentliche Sicherheit verbessert sich. Und zwar schlagartig. Außerdem ist die Technik für autoritär gestimmte Führer weltweit ohnehin verlockend. Sie ist ein neues Instrument ihrer Macht.

Sie beschreiben einen fundamentalen Trade-Off, der künftig nicht auf Schwellenländer und ihre Großstädte beschränkt bleiben wird. Wie lange dauert es noch, bis der erste europäische Wohlfahrtsstaat, dessen Bürger nichts mehr lieben als die verbesserte öffentliche Sicherheit, zum Kunden solcher „Smart City-Leistungen wird?

Die Wohlfahrtsstaaten Mittel- und Nordeuropas sind nicht unbedingt die naheliegendsten Kunden für das chinesische Modell. Ziel- und Absatzmarkt sind im Moment vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer der Welt, in Europa vielleicht die osteuropäischen Länder. Und doch gibt es erste Interessenten auch in Westeuropa. Duisburg zum Beispiel lässt sich von Huawei ein Smart-City-Konzept einrichten.

Es kommt hier allerdings in Konflikt mit dem geltenden Recht und in eine Konkurrenzsituation mit den großen Playern des Silicon Valley. So klar wie in Lagos ist der USP also in Europa nicht, oder?

Die großen amerikanischen Tech-Companies haben ebenfalls große Freude an effizienten und möglichst umfassenden Vernetzungs- und Bewertungstools aller Art.

Ihre Verantwortlichen lesen die Überwachungs-Gruselstories aus China also mit einer anderen Brille: Sie schauen oft neidisch auf China und die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten, die KI-Unternehmen dort genießen – und plötzlich sind das keine Horrorgeschichten mehr, sondern Geschäftsmodelle.

Den fundamentalen Unterschied bei uns macht am Ende tatsächlich der Rechtsstaat: Nicht alle Geschäftsmodelle sind legal, wer sich nicht an die Regeln hält, kann und muss sanktioniert werden. Und die Regeln und Gesetze sind natürlich dazu da, unsere Freiheiten, aber auch unsere Privatsphäre zu schützen.

Sie halten nichts von der oft gehörten Polemik, dass die Unterschiede zwischen China und den USA bei der Massenüberwachung nur graduell seien?

Gar nichts. Ich bin da regelmäßig fassungslos, wenn mir einer sagt, das sei ja „ohnehin dasselbe“, was die USA täten. Denn natürlich ist selbst ein aktuell vergleichsweise unberechenbares Amerika etwas völlig anderes als ein totalitäres China. In den USA haben Sie auch unter Trump eine Opposition, kritischen Journalismus, eine unabhängige Justiz. Und dass eben nicht China, sondern die USA einen Whistleblower wie Edward Snowden hervorbringen, ist kein Zufall…

Wenden wir es also optimistisch: sollten wir uns angesichts der aktuellen Entwicklungen wieder in Erinnerung rufen, was wir an unseren funktionierenden Rechtsstaaten haben?

Ja, das sollten wir. Aktuell sehen wir allerdings in manchen Momenten die scheibchenweise Aufgabe dieses Erfolgsmodells aufgrund wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Wir haben es mit einem neuen China zu tun, das international Einfluss nehmen und seine „Weisheit“ vermarkten will – und das damit erfolgreich ist. Überall dort, wo seine Interessen tangiert sind, möchte China heute Einfluss nehmen, wird es aktiv. Und mit einem Mal sehen wir, dass diese Interessen überall sind – in Zentralafrika, in Griechenland, in der Schweiz und in Deutschland.

Konkreter?

Es gibt viele Beispiele für chinesische Einflussnahme. Im Menschenrechtsrat in Genf ist die KP Chinas daran, das „universelle“ Modell der Menschenrechte auszuhebeln, indem sie Pekings Menschenrechtsbegriff als gleichwertig zu installieren versucht. In der Wissenschaft sind sie schon einen Schritt weiter. Nicht wenige mit China befasste Wissenschaftler üben heute schon weltweit Selbstzensur, schließlich sind auch sie abhängig von China, zum Beispiel wollen sie weiter einreisen dürfen. Europäische Universitäten lassen sich Chinaprofessuren einrichten mit Geld, das aus Peking kommt; grosse private Wissenschaftsverlage unterwerfen sich den Forderungen der dortigen Zensoren. Selbst Publikumszeitschriften werfen sich dem Regime bereits an den Hals: In der Schweizer „Weltwoche“ zum Beispiel schreibt der chinesische Botschafter in der Schweiz, Geng Wenbing, seit diesem Jahr eine Kolumne, die unverhohlen Propaganda für Chinas Regierung macht. Und das Beste: Die Redakteure des Blattes klopfen sich für die Veröffentlichung dieser Propagandastücke noch selbst auf die Schultern – als „Helden der Meinungsfreiheit“.

Gibt es Entwicklungen, die Ihnen mehr Mut machen im Hinblick auf das Rückgrat der Entscheider, die in den wachsenden Einflussbereich Chinas geraten?

Im Moment sind es tatsächlich US-Amerikaner, die hier und da mit gutem Beispiel voran gehen: Die Google-Angestellten etwa, die ihr eigenes Management dazu gebracht haben, die Entwicklung einer Zensurmaschine für Peking einzustellen. Oder Adam Silver, Chef der National Basketball Association NBA. Er hat das dieser Tage eindrucksvoll getan, als er den Manager der Houston Rockets, der einen Support-Tweet für die Proteste in Hongkong abgesetzt hatte, verteidigte und auf Meinungsfreiheit pochte. Die KP reagierte prompt: Zuerst wurden Fan-Artikel des Vereins aus dem chinesischen Handel genommen, dann Sponsorenverträge gekündigt, Spiele der Rockets nicht mehr übertragen. Nach Silvers Statement setzte man die NBA-Übertragungen im Fernsehen sogar vorübergehend ganz ab. Was Silvers Reaktion so besonders macht, ist die Nachricht, die sie sendet: Einige aufklärerische Errungenschaften sind unbezahlbar – und vereinzelt wissen Politiker und Wirtschaftsführer das offenbar noch, bleiben auch bei Druck ihren Prinzipien treu. Daran können wir uns orientieren. Was wir uns aber nicht mehr leisten können, ist die Naivität vergangener Jahre, wenn es um unser Bild des Chinas unter Xi Jinping geht.


Kai Strittmatter ist Journalist, studierter Sinologe und war langjähriger China-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. Sein aktuelles Buch „Die Neuerfindung der Diktatur“ (Piper, 2018) wurde auf der Frankfurter Buchmesse 2019 mit dem getAbstract International Book Award ausgezeichnet. 


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