getAbstract International Book Award

Wirkmächtige Computer, Machthunger in China und sich selbst entmachtende Chefs

Überlebensstrategien in Zeiten der Informationsflut zu bieten – das ist ein Hauptanliegen des diesjährigen getAbstract International Book Awards, der am 16. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse zum 19. Mal vergeben wird. Unsere Redakteure haben nach der Sichtung von mehr als 10.000 deutsch- und englischsprachigen Businessbüchern jeweils zehn Finalisten für den Buchpreis nominiert. Die ersten fünf der deutschsprachigen Shortlist möchten wir Ihnen an dieser Stelle gerne vorstellen.

 Big Data lässt sich verdrängen aber nicht aufhalten: In Die Bit-Revolution vergleicht Gernot Brauer die exponentiell steigende Datenflut mit einem Fußballstadion, in das alle zwei Sekunden die doppelte Menge Wasser tropft; erst ein Tropfen, dann zwei, vier, acht und so weiter. Wie lange dauert es, bis das Stadion randvoll ist? Keine 10 Minuten. Kaum genug Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Autor macht deutlich: KI-Systeme können längst bluffen wie die besten Pokerspieler, sie machen Aktienhändler arbeitslos und lassen unsere schönsten Träume und schlimmsten Alpträume wahr werden. „Die großen, jedem bekannten Datenkraken Google, Facebook usw. nehmen uns datentechnisch aus wie Weihnachtsgänse“, sagt Brauer. „Aber sie bringen die Welt zugleich ungeheuer voran.“ In seinem Buch porträtiert er den visionären Unternehmer Hardy Schloer, der die Tentakeln der übergriffigen Kraken kappen und zugleich die Versprechungen einlösen möchte, die am Anfang der Datenrevolution standen.

 Welche Vision die chinesischen Machthaber mit Big Data verfolgen, steht außer Frage: Bis 2020 sollen 1,4 Milliarden Chinesen mittels eines Punktesystems bewertet werden, das sozial erwünschtes Verhalten belohnt und unerwünschtes Verhalten bestraft. Für Theo Sommer, Autor von China First, kommt das Sozialkreditsystem „dem totalitären Überwachungsstaat, den George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat, verstörend nahe.“ Dennoch kann es sich der Westen seiner Ansicht nach nicht leisten, China zu ignorieren: „Der rasante Aufstieg Chinas zur Wirtschaftssupermacht verändert das globale Mächtemuster. Die Volksrepublik wird Partner, Konkurrent und Systemgegner zugleich.“ Bei vielen von uns lösen Schlagworte wie Neue Seidenstraße und Made in China 2025 Unwohlsein aus, und selbst das eigene Huawai-Handy steht seit einiger Zeit unter Spionageverdacht. Sommers Buch ist vor allem ein leidenschaftlicher Aufruf an den Westen, sich endlich aus der Schockstarre zu lösen: „Wir müssen die wirtschaftliche, technologische, geopolitische und geostrategische Herausforderung annehmen, wenn wir uns behaupten wollen. Es ist höchste Zeit, die ökonomischen Chancen, die der Aufschwung Chinas bietet, gegen die allgemeinpolitischen und sicherheitspolitischen Risiken abzuwägen, die er heraufbeschwört.“

Was die Autoren Alois Summerer und Paul Maisberger von Teamwork agil gestalten auf der Ebene der Unternehmenspolitik vorschlagen, klingt wie der perfekte Gegenentwurf zum chinesischen Erfolgsmodell: In ihrem Praxishandbuch fordern sie, hierarchische Strukturen zu durchbrechen und Führungsmacht konsequent auf Teams zu übertragen. Das klingt nach angesagtem, modernem Managementsprech. Umso erstaunlicher fand es der ehemalige Unternehmer und Co-Autor Paul Maisberger, dass die agile Zusammenarbeit außer in der Software-Entwicklung praktisch kaum zum Einsatz kommt: „Man könnte da schon fast von Fahrlässigkeit sprechen, angesichts eines ROI von 1 bis 10 und dem derzeitigen Gejammer über eine nahende Rezession.“ Liegt das vielleicht an der Angst vor einem echten Kulturwandel, infolgedessen sich die Chefs selbst entmachten? Für Maisberger jedenfalls steht fest: Ein paar schicke, neue Tools genügen nicht. „Im Zentrum steht die Gewinnung der Mitarbeiter, die wissen wollen, was Agilität ganz persönlich für sie bringt (Wiifm, What‘s in it for me). Und unser Motto: Nichts ändert sich, außer du änderst dich.“

Agilität ist auch für Anne Schüller und Alex Steffen eine Schlüsselkompetenz für die digitale Zukunft. Die andere ist Kundenzentrierung. Und der größte Bremsklotz auf dem Weg dorthin? Die überkommene Pyramidenstruktur von Unternehmen: „Neue Businesszeiten können nicht auf traditionelle Weise gemanagt werden“, ist Schüller überzeugt. „In einer Umgebung von gestern kann man nicht auf Gedanken für morgen kommen, und solange sich an den Grundstrukturen nichts ändert, ist alles andere nur Puder und Schminke.“ In Die Orbit Organisation erklären die Autoren, wie der Umbau zum Orbit-Modell – mit dem Sinn (Purpose) des Unternehmens und den Kunden im Mittelpunkt – in neun Schritten gelingt. Ein behutsamer Übergang ist ihrer Ansicht nach entscheidend: „Zwar müssen rigide Strukturen und veraltete Mindsets verschwinden, doch der Erneuerungsschalter kann nicht in einem Ruck umgelegt werden. Wer alle Wände gleichzeitig einreißt, dem fällt das Dach auf den Kopf.“

Wie sich Verhalten nachhaltig verändern lässt, damit beschäftigt sich Anna Langheiter, Expertin für und Autorin von Trainingsdesign. Ihr Motto: „,Have the end in mind!‘ – und das bedeutet, dass die gewünschte Veränderung und die zu verändernden Verhaltensweisen in den Mittelpunkt jedes Trainingsdesigns gerückt werden.“ Ja was denn sonst, möchte man fragen, ist das nicht der eigentliche Zweck jeder Weiterbildung? Doch Hand aufs Herz: Wann hat eine Fortbildung Ihr Handeln zuletzt nachhaltig verändert – und zwar noch ein halbes Jahr danach? Genau. Langheiter hat einen roten Faden entwickelt, der Lernziele in drei Kategorien einordnet: Kopf, Herz und Hand. Der Kopf organisiert die Fakten, das Herz verändert unsere innere Einstellung und die Hand setzt das Gelernte praktisch um. „Bei jedem Schritt stellt sich immer die Frage: ist dieser Inhalt, diese Übung, diese Transfermaßnahme wirklich zieldienlich?“ Ein praktischer Leitfaden mit dem Potenzial, die grassierende Zeitvergeudung und Ressourcenverschwendung auf dem Weiterbildungsmarkt zu minimieren.

Entdecken Sie die Shortlists 2019 in unserem neuen Kanal:
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