Gesund leben Top Story

Earth Day 2019: Mehr Panik bitte!

Beim Thema Klimawandel heißt es gemeinhin, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Doch sind Tiefenentspannung oder Verdrängung wirklich der bessere Weg, um die Klimakatastrophe noch abzuwehren? David Wallace-Wells hat diese Frage vor zwei Monaten auf der Meinungsseite der New York Times klar verneint. Um eine katastrophale Erwärmung von 4 Grad Celsius bis 2100 mit Sicherheit zu verhindern, so der Buchautor, müssten wir den Ausstoß schädlicher Klimagase bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 45 Prozent verringern. Und da warnen kühle Köpfe immer noch vor Panikmache? Das ist, gelinde gesagt, absurd. Wenn Sie in einem Boliden mit betrunkenem Fahrer auf eine Klippe zurasen, werden Sie es auch irgendwann mit der Angst zu tun bekommen und versuchen, das Steuer noch rechtzeitig herumzureißen.

Am Earth Day, den 22. April 2016, wurde genau das mit der Unterzeichnung des weltweit gefeierten Pariser Abkommens versucht. Doch drei Jahre später ist das Erreichte ernüchternd: Die Emissionen steigen ungebremst weiter, und der Bolide gerät noch mehr aus der Spur.

LESEN AUF GETABSTRACT

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat mit Selbstverbrennung ein eindringliches Plädoyer für eine radikale Umkehr verfasst. Er vergleicht das Klimasystem Erde mit dem menschlichen Organismus: In beiden Fällen garantieren ein komplexes Zusammenspiel vieler voneinander abhängiger Prozesse das Überleben. Gerät das System aus dem Gleichgewicht, drohen sogenannte Kippelemente, die unseren Planeten unbewohnbar machen könnten. Ist das nun Alarmismus oder gesunder Menschenverstand? Er jedenfalls hält das „klimazerstörerische fossile Betriebssystem für nicht mehr gesellschaftsfähig.“

LESEN AUF GETABSTRACT

Die Aktivistin Naomi Klein geht noch einen Schritt weiter und ruft Die Entscheidung zwischen Fossilkapitalismus und Klimarettung aus. Mainstream-Ökonomen bezeichnen ihre Forderungen als hanebüchen: echter Konsumverzicht, Zerschlagung der Fossilindustrie, massiver Wohlstandstransfer, Einschränkung des Freihandels. Nichts davon ist derzeit in Sicht. Bis auf den letzten Punkt geht die Entwicklung eher in die entgegengesetzte Richtung. Dennoch gibt Klein die Hoffnung nicht auf: „Momente, in denen das Unmögliche plötzlich möglich scheint, sind furchtbar selten und wertvoll. Also müssen wir mehr aus ihnen machen als bisher.“

LESEN AUF GETABSTRACT

Ganz anders argumentiert Al Gore in Die Zukunft: Er glaubt an die Kraft des Kapitalismus, Wohlstand für alle zu schaffen – sofern es gelingt, dieses auf nachhaltige Weise zu tun. Gore fordert, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messwert für Wohlstand abzuschaffen und durch einen Maßstab zu ersetzen, der Kriege, Epidemien und Umweltkatastrophen nicht als Wachstumsfaktoren ausweist. Allerdings gilt auch für diese keinesfalls neue Idee im Wunschstrauß der Öko-Apostel: Der Weg vom Rat zur Tat ist noch weit.

LESEN AUF GETABSTRACT

Mit düsteren Prognosen oder konkreten Handlungsstrategien hält sich Laurence C. Smith gar nicht weiter auf. Er beschreibt Die Welt im Jahr 2050 nüchtern als einen Ort, in dem viele der bevölkerungsreichsten Regionen von noch mehr Dürren, Überflutungen, Kriegen und Armut geplagt – und die Gewinner des Klimawandels in den nördlichen Gefilden verhältnismäßig fein raus sein werden. Müssen sich die Bewohner Dänemarks, Finnlands, Kanadas, Norwegens, Russlands, Schwedens, Alaskas und Minnesotas also darauf einstellen, dass in Zukunft Milliarden Klimaflüchtlinge aus Kalifornien und Florida, Südeuropa und Afrika, dem Mittleren Osten und Indien an das Tor zum gesegneten Norden klopfen?

Bleibt die Frage, ob besorgte Bürger dann immer noch den Alarmismus beklagen oder sich wünschen werden, doch auf die Panikmacher gehört zu haben.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

%d Bloggern gefällt das: