Das Silicon Valley hat eine ganze Menge kluger Erfolgsgrundsätze hervorgebracht. Einer davon lautet: „Fail fast to innovate faster!“ Soll heißen: Wenn du schon scheiterst, dann mach es schnell, damit du hinterher umso flotter die richtig guten Ideen nach vorne bringen kannst. Eine bemerkenswerte Fehlerkultur ist das. Nicht nur, weil sie Scheitern zulässt, sondern weil sie anerkennt, dass Versagen ein notwendiger Zwischenschritt zum Erfolg ist. Also statt Fehler schönreden, vernebeln, totschweigen besser hinfallen, Staub abklopfen, weitergehen. Dieses Scheitern 2.0 ist aber keinesfalls ein billiger Postkartenspruch, sondern hat Methode.

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Zum Beispiel bei einem Konzept, das in den vergangenen Jahren für viel Aufsehen gesorgt hat: Sprint von den drei Google-Venture-Jungs Jake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz hat die Schnelligkeit zum obersten Gebot gemacht. In Sprints werden neue Ideen innerhalb von fünf Tagen gefunden, ein Prototyp erstellt und erstes Kundenfeedback eingeholt. Also kein wochenlanges Vor-sich-hin-Brüten, sondern allerflotteste Produktoptimierung. „Die größte Investitionsrendite bieten die Misserfolge, auch wenn sie schmerzhaft sind“, schreiben die drei Autoren. Klingt erst mal seltsam, aber hat einen tieferen Sinn: Wer 99 Ideen verbraten muss, damit eine gute dabei herauskommt, sollte möglichst wenig Zeit damit verbringen, die Misserfolge zu beweinen.

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Nutzen Sie Facetime oder Skype? Ist doch selbstverständlich. Hätten Sie da gedacht, dass Videotelefonie schon ein alter Hut ist? Allerdings war die Technologie in der Vergangenheit ein echter Ladenhüter, denn keiner wollte das Bildtelefon haben. Erst Jahre später hatten sich Technologie und Kultur so entwickelt, dass man seinem Gegenüber gern beim Telefonieren in die Augen blickt. Das ist eines von vielen Beispielen, die Technikhistoriker Reinhold Bauer in dem Brand-eins-Artikel Originell scheitern gibt. Seine These: Nicht Originalität bestimme den Erfolg eines Produktes, sondern allein seine Fähigkeit, ein Problem (anders) zu lösen. Das berühmte Model T von Henry Ford war kein innovatives Auto, es war aber dank Serienproduktion für die Masse erschwinglich.

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Was alles schiefgehen kann, wenn es keine funktionierende Fehlerkultur gibt, zeigt Matthew Syed in seinem Buch Das Black-Box-Prinzip – Warum Fehler uns weiterbringen. Der Autor berichtet hier von einer Katastrophe auf dem United-Airlines-Flug 173 im Jahr 1978. Der Flugkapitän bemerkte, dass die Signalleuchte für das Fahrwerk versagte. Während er den Fehler suchte, verstrich die Zeit und der Treibstoff ging zur Neige. Der Flugingenieur hatte dies wohl im Blick, kuschte aber vor dem Kapitän. Am Ende starben bei der Notlandung zehn Personen. Die Untersuchung des Flugzeugunglücks führte zu einer verfeinerten Fehlerkultur: Fortan wurden Fluggesellschaften verpflichtet, Selbstbehauptungstrainings für junge Crewmitglieder einzuführen: die Geburtsstunde des „Crew-Ressourcen-Managements“.

In den letzten Jahren gab es erste, zaghafte Versuche, das Thema Scheitern auch als Chance zu begreifen. Seien es die FuckUp Nights, wo unter dem augenzwinkernden Motto „Wenn du schon etwas verbockst, dann sprich auch darüber“ regelmäßig über das Scheitern debattiert wird. Oder seien es Web-gewordene Friedhöfe für Businessideen wie Startup-Graveyard oder Collapsed, aus deren Fehlern es sich vortrefflich lernen lässt. Scheitern 2.0 eben.

Christian Mascheck

Christian Mascheck schreibt seit 2000 für getAbstract und hat annähernd 300 Wirtschafts- und 200 Klassiker-Abstracts verfasst. Er arbeitet als freier Journalist, PR-Berater und Content-Marketing-Spezialist in Hamburg.

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