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Zur Hölle, zum Teufel oder zurück auf Los – wohin steuert Großbritannien?

Die Gedenkmünze war schon geprägt und heute wäre ihr Tag gewesen: der Tag, an dem Großbritannien endlich den von der einen Bevölkerungshälfte verhassten Club verlassen hätte – und den nach fast dreijährigem Gezerre auch viele Europäer auf der anderen Seite des Ärmelkanals herbeizusehnen begannen. „Unserem Papst zufolge ist die Hölle immer noch leer, und das bedeutet, in der Hölle gibt es viel Platz“, bemerkte EU-Ratspräsident Donald Tusk auf dem EU-Gipfel vor einer Woche süffisant – zur Hölle gewünscht hatte er einen Monat zuvor all diejenigen, die für den EU-Austritt geworben hatten, ohne für den Austrittsfall tatsächlich einen Plan zu haben.

Noch-Premierministerin Theresa May kann man das nicht direkt zum Vorwurf machen. Als sie vor zwei Jahren den Austrittsparagrafen Artikel 50 aktivierte, schien es immerhin, als habe sie einen Plan. In Die Verhandlungsziele der britischen Regierung für den EU-Austritt formulierte sie diesen mit viel Verve: Ein kompletter Rückzug aus der EU und dem Binnenmarkt, Freihandelsabkommen mit Ländern überall auf der Welt und eine echte Win-win-Einigung für alle.

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Heute klingt dieses Papier nach einer zu steif geratenen Büttenrede ohne Tusch. Während der britische Minister für internationalen Handel kurz nach Verhandlungsbeginn noch breitbeinig verkündet hatte, es würden „eine Sekunde nach Mitternacht am 29. März 2019“ 40 Freihandelsverträge der EU nachgebildet sein, gibt es bis dato lediglich vorläufige Vereinbarungen mit der Schweiz, Liechtenstein, Island und Norwegen. Ein geordneter Rückzug wird immer unwahrscheinlicher. Unternehmen verlassen die Insel in Scharen, Tausende Briten tätigen Hamsterkäufe, Millionen demonstrieren in London, Parlamentarier erhalten Morddrohungen – alles sieht derzeit nach einem klaren Lose-lose-Szenario aus.

Ian Dunt hatte genau das 2016 vorausgesehen: In Brexit. Wie zum Teufel geht es nun weiter? prophezeite er einen Berg an Herausforderungen, den die britischen Verhandlungspartner offenbar in Flip-Flops zu bezwingen gedächten: „Unglücklicherweise fehlt es der britischen Mannschaft, die auf Artikel 50 zusteuert, an Wissen und Erfahrung in Handelsdingen, ihre Verantwortlichkeit ist ungeklärt und sie hat übellaunige, streitsüchtige Personen an ihrer Spitze. Sie scheint zum Scheitern verurteilt.“ Dunt verklärt die EU nicht. Doch die Vorstellung, dass Großbritannien seine Interessen gegenüber China, Indien den USA oder Japan allein besser werde wahrnehmen können als im Verbund mit Europa, erscheint ihm absurd. Vor allem kann er beim Brexit kein Konzept erkennen: „Der Austritt war kein alternatives wirtschaftliches oder politisches Modell. Es war eine leere Leinwand, auf die Menschen ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und Frustrationen projizieren konnten.“

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Natürlich ist Schadenfreude über Mays spektakuläres Scheitern fehl am Platz. 90 Prozent der Briten fühlen sich vor der Weltöffentlichkeit gedemütigt, und der Anteil der Menschen steigt, die sich einen harten Brexit und damit ein vermeintliches Ende mit Schrecken statt eines Schreckens ohne Ende wünschen. Das kann in Europa niemand ernsthaft wollen. Umgekehrt muss die Frage erlaubt sein, ob nicht die gesamte britische Führungsriege versagt hat, indem sie ideologische, partei- und machtpolitische Ränkespiele über das Wohl des Landes stellte.

Der irische Historiker Kevin O’Rourke wies jüngst darauf hin, dass die Geschichte des Brexits mindestens bis ins Jahr 1956 zurückreicht: Britische Politiker entwarfen damals den sogenannten Plan G, der die Beziehungen zur entstehenden Europäischen Gemeinschaft regeln sollte. Dieser beinhaltete alle Vorteile einer Freihandelszone – abzüglich der Nachteile einer Mitgliedschaft. Mit anderen Worten: Das Vereinigte Königreich wollte den Kuchen behalten und ihn essen. Plan G gewann auf der Insel enorme Beliebtheit, und die damaligen Verhandlungsführer glaubten, dass den Europäern derartig an einer Kooperation gelegen sein müsse, dass man ihnen die Bedingungen diktieren könnte. Der Rest ist Geschichte: Plan G scheiterte – ebenso wie der von May vorgelegte Plan A gut 60 Jahre später. Was jetzt fehlt, ist ein Plan B. Die Verantwortlichen sollten sich beeilen. Denn das zumindest darf man dem Papst glauben: In der Hölle ist noch viel Platz.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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