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Ich bin eine Berlinerin!

Berlin gönnt sich einen zusätzlichen arbeitsfreien Feiertag: Den Weltfrauentag am heutigen 8. März. „Den sollen die faulen Hauptstädter erst einmal erwirtschaften“, maulten die einen (zur Info: Bayern hat 13 Feiertage). „Der Reformationstag, gemeinsam mit dem angrenzenden Brandenburg, wäre die bessere Wahl gewesen“, klagten die anderen. Es nützte alles nichts. Berlin hat nun eine Insellösung. Und das ist gut so! Erst kürzlich kam eine Studie über die Selbstinszenierungen auf Instagram und YouTube zu dem Ergebnis: Mädchen und junge Frauen inszenieren sich überwiegend in den eigenen vier Wänden; sie geben Schönheitstipps und tauchen in Musikvideos als passive Sexobjekte auf. Jungen und Männer sind eher als Komiker, Gamer, Firmengründer, Extremsportler oder Politikkommentatoren in den sozialen Medien unterwegs. „Das Frauenbild orientiert sich an den Fünfzigerjahren“, so das ernüchternde Fazit der Schauspielerin und Auftraggeberin der Studie, Maria Furtwängler.

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Nun könnte man natürlich verkünden: Selbst schuld! Doch so einfach ist es nicht. Influencerinnen, die versuchten, sich ein forscheres, geschäftstüchtigeres Image zu verpassen, wurden von ihren Nutzerinnen abgestraft. Genau das hat auch Iris Bohnet, Autorin von What works beobachtet: Wenn Frauen und Männer sich gegen geschlechtsspezifische Vorurteile auflehnen und aus der Rolle fallen, werden sie sanktioniert. Unser Gehirn verzerrt den Blick auf die Welt, und das anzuerkennen ist der erste Schritt. Im zweiten Schritt sollten wir uns empathisch in die Perspektive des anderen hineinversetzen. Nutzen Sie anonymisierte Bewerbungsverfahren und stellen Sie Frauen in untypischen Rollen ein, um so Vorurteile in der Organisation abzubauen.

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Aber tragen Frauen in modernen, freiheitlichen Gesellschaften nicht zumindest eine Mitverantwortung daran, dass sie in verantwortlichen Positionen unterrepräsentiert sind? Unbedingt, behauptet Cornelia Topf in Erfolgreich bewerben für Frauen. Viele von ihnen reden sich selbst und ihre Chancen klein, um nicht die Initiative ergreifen zu müssen. Die Autorin hält dagegen: „Es ist beruflich sehr viel mehr drin, als die meisten Frauen für möglich halten.“ Sie ermutigt Bewerberinnen, ebenso selbstbewusst und fordernd aufzutreten wie ihre männlichen Kollegen, und gibt wertvolle Praxistipps.

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Einige Schritte weiter sind in Sachen Gleichberechtigung die skandinavischen Länder. Matthias Hannemann schaut in der Brand eins in seinem Artikel Vom Norden lernen nach Norwegen und Schweden und kommt zu dem Schluss: Ein konsequenter Ausbau der Kinderbetreuung, großzügige Elternzeitregelungen, die Abschaffung des Ehegattensplittings und sogar eine verbindliche Quote wirken – und sie verbessern Unternehmenskulturen, gesellschaftliches Klima und Beziehungen untereinander.

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Dem würden Allan und Barbara Pease kaum widersprechen. Doch Frauen und Männer sind zwar gleichwertig – aber eben nicht gleich, so ihre These in Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken: Männer schweigen, Frauen reden; Männer wollen Macht, Frauen Beziehungen. Und: „Aggressivität ist eine der männlichen Charaktereigenschaften, die man nicht mit gesellschaftlicher Konditionierung erklären kann.“ Das kann man als Klischeepflege verurteilen oder als konstruktiven Beitrag zur Genderdiskussion begrüßen.

Als einzige Region in Deutschland hat der Stadtstaat Berlin dafür heute eine Grundlage geschaffen. Und dazu sage ich aus voller Überzeugung: Ich bin eine Berlinerin!

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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