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Wie viel Konsum verträgt die Welt?

Neulich war ich mit meiner Familie in den Julischen Alpen Sloweniens. Zuvor hatten wir eine Dokumentation über das Gletschersterben und die katastrophalen Folgen des Skitourismus für die alpinen Landschaften gesehen: Um dem Klimawandel zu trotzen, werden in immer höheren Regionen Pisten plattgemacht und Beschneiungsanlagen gebaut. Die Folgen sind Bodenverdichtung, Erosion und Mondlandschaften im Sommer.

Es ist genau dieses Dilemma, das uns in der Diskussion um nachhaltigen Konsum immer wieder umtreibt: Was dem Klima, der Umwelt oder Arbeiterinnen in asiatischen Sweatshops wirklich nutzt, ist allzu oft anstrengender, teurer oder spaßfreier als die nicht-nachhaltige Alternative. Der einfachste Weg ist und bleibt der gedankenlose Konsum.

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Zweifellos ein Irrweg, aber der einzige, der unsere Volkswirtschaften in ihrer gegenwärtigen Form am Laufen hält, schreibt Kate Raworth in Die Donut-Ökonomie: „Unsere heutigen Volkswirtschaften benötigen Wachstum, unabhängig davon, ob es den Menschen nutzt. Wir brauchen aber eine Wirtschaft, die den Menschen nutzt, unabhängig davon, ob sie wächst oder nicht.“ Sie fordert, alle Menschen in den „sicheren und gerechten Raum“ des Donutkringels zu ziehen, heraus aus dem prekären „Loch“, wo sie ihre grundlegendsten Bedürfnisse nicht stillen können – aber auch aus dem vermeintlich endlosen Raum außerhalb des Kreises, wo sie die natürlichen Ressourcen überstrapazieren. Das erfordert eine völlig neue Definition der Quellen von Wohlstand: weg vom Konsum, hin zur Natur, der Gesellschaft und gemeinschaftlichem Eigentum.

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Auf den bewussten Konsumenten allein können wir uns dabei allerdings nicht verlassen, bemerkt Michael Hobbes, Autor von Das Märchen vom ethischen Konsum. Seit den 1990er-Jahren rufen Aktivisten zum Boykott gegen Marken auf, die zu unmenschlichen Bedingungen in Entwicklungsländern produzieren. Und geändert hat sich: wenig bis nichts. Anstatt auf den guten Willen der Beteiligten zu hoffen, sollten Arbeitsschutzgesetze konsequent durchgesetzt und Verstöße mit schmerzhaften Sanktionen belegt werden.

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Wie es überhaupt zu der Konsumrevolution kommen konnte, auf deren Höhepunkt wir uns gerade befinden, hat der Historiker Frank Trentmann untersucht. In Herrschaft der Dinge beschreibt er anschaulich, auf welche Weise der Mensch ein „materielles Selbst“ entwickelte und Besitztümer identitätsstiftend wurden. Zum Schluss geht auch er auf das Ausgangsdilemma ein: Mit einem reinen Recycling-Ansatz – nach dem Motto „Je mehr ich wiederverwerte, desto mehr darf ich konsumieren“ – sei es nicht getan. Vielmehr sollten wir unsere Gewohnheiten ernsthaft überdenken und auf Überflüssiges und Schädliches ganz verzichten.

Was mich zurück zu unserem Schneeurlaub bringt: Ich muss zugeben, dass Abfahrt richtig Spaß machen kann. Und die Kinder? Beim nächsten Mal würden sie am liebsten nur noch auf die Piste. Mondlandschaften hin oder her.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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