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Sicher und besser online – aber wie?

„Aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter“ hätten die sozialen Medien ihn werden lassen, ließ der grüne Spitzenpolitiker Robert Habeck nach Bekanntwerden des großen Datenlecks im Januar verlauten – und verabschiedete sich kurzerhand von Twitter und Facebook. Sein Schritt wurde von lärmender Cyberhäme begleitet und gar als „undemokratisch“ verunglimpft. Ein bemerkenswerter Vorwurf – schließlich soll es schon funktionierende Demokratien gegeben haben, bevor Volksvertreter Zugang zum weiten Feld der Friends, Fans und Follower erhielten. Dass dort nicht nur bunte Blümchen blühen, steht jedenfalls außer Frage: „Gemeinsam für ein besseres Internet“ lautet passenderweise der Slogan am heutigen Safer Internet Day, einer globalen Initiative, die sich seit 2004 für ein sicheres Internet einsetzt – mit einem Schwerpunkt auf Kindern und Jugendlichen.

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Klar ist, dass wir uns beim Onlineverhalten zuerst an die eigene Nase fassen sollten, bevor wir den Nachwuchs mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn betrachten. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass wir dabei uns selbst auf dem Display erblicken? „Die Krux mit dem Smartphone, der Erziehung und der Vorbildfunktion lässt sich in einem Bild exemplarisch zusammenfassen“, schreibt Ulrich Feibel in Jetzt pack doch mal das Handy weg!: „dieser Moment, wenn du von deinem Smartphone aufschaust und dein Kind gerade auf sein Smartphone starrt.“ Er empfiehlt, so früh wie möglich über sexuellen Missbrauch, Fake News, Hate-Speech, Bots und Abzocke im Netz aufzuklären und auch mit dem Nachwuchs über Suchtgefahren zu sprechen. Ein Totalverbot hält der Autor für naives Wunschdenken: „Sicher, eine Kindheit ohne Smartphone, Internet und Fernseher ist möglich – nur eben verdammt unrealistisch.“

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Noch einen Schritt weiter geht Verena Gonsch in Digitale Intelligenz: Viele elterliche Sorgen ähnelten einer „digitalen Hysterie“, die sich vor allem aus einem Mangel an Kenntnissen speise; „Made in Germany ist auch die digitale Skepsis.“ Ihrer Meinung nach verklären deutsche Bildungsbürger die eigene vermeintlich kreativere, naturnähere Kindheit; sie schüren unbegründete Ängste und verbauen damit den eigenen Sprösslingen den Weg in eine erfolgreiche, digitale Zukunft. Die Folge: Mehr als die Hälfte der deutschen Jugendlichen wollen Beamte werden – junge Amerikaner hingegen Unternehmer.

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Also alles halb so schlimm? Nein, widerspricht die Cyberpsychologin Mary Aiken. Im Schnitt greifen Nutzer von Mobiltelefonen pro Woche 1500 Mal zum Handy. Das bleibt nicht ohne Folgen für unser Verhalten, online wie offline: „Das Cyber-Ich ist ein meisterhaftes Erzeugnis – es ist unterhaltsamer, geistreicher und von besserem Aussehen als das wahre Ich“, schreibt sie in Der Cyber-Effekt. Und die Programmierer und App-Designer wissen dieses Ich meisterhaft zu manipulieren. In Europa gelten 14 Prozent der Jugendlichen und in den USA 12 Prozent der Erwachsenen als zwanghafte Internetnutzer. Aikens Fazit: Kleinkinder unter drei sollten von sämtlichen Bildschirmen ferngehalten werden und Heranwachsende erst mit 13 ihr eigenes Handy bekommen. Noch eindringlicher aber sind ihre Forderungen nach einer deutlich stärkeren Regulierung und einem geschützten Internet für Kinder.

Wenn wir heute, am Safer Internet Day, nicht jetzt damit anfangen – wann dann?

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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