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Edle Wilde und tumbe Toren

Der eine erfindet einen Wildwesthelden und macht sich dessen Charakter zu eigen. Der andere entwirft einen liebenswerten, aber tragischen Gutmenschen und formt ihn nach seinem eigenen Naturell. Karl Mays Winnetou-Romane und Fjodor M. Dostojewskis Der Idiot könnten, abgesehen von dieser biografischen Simultanität, unterschiedlicher nicht sein. Erfolgreich waren sie beide.

Die Winnetou-Romane von Karl May waren die großen Pageturner des 20. Jahrhunderts. Eine Auflage von über 200 Millionen Exemplaren, Übersetzungen in über 40 Sprachen und der Ruhmestitel eines der weltweit am häufigsten übersetzten Autoren: Da kommen einige Superlative zusammen. Und dann die kuriose Biografie des Sachsen Karl May: Kleiner Trickbetrüger und Hallodri kommt zu Ruhm und Ehre durch fiktive Reiseerzählungen. Mit dem Erfolg inszenierte sich May dann immer häufiger selbst als der Held seiner Erzählungen, ließ durchblicken, dass er höchstpersönlich seine Figur Old Shatterhand sei, posierte mit nachgebautem Henry-Stutzen und Westmann-Kostüm. Was für eine PR-Story! Wer bislang Winnetou nur aus den überaus erfolgreichen Filmen der 1960er-Jahre kannte oder aus den auch heute noch sehr erfolgreichen Karl-May-Festspielen, sollte sich einmal die ursprünglichen Romane vornehmen.

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Winnetou II ist nicht Fisch und nicht Fleisch – ein typisches Sequel eben

In den Winnetou-Romanen passiert genau das, was ein abenteuerhungriger Leser erwartet: Es wird leidenschaftlich gepirscht, angeschlichen, es wird geschossen, geprügelt und gejagt. In Winnetou I ist die Geschichte wie aus einem Guss: Hier lernen sich Old Shatterhand und der „edle Wilde“ Winnetou erstmals kennen, schließen die berühmte Blutsbrüderschaft und trennen sich am Ende des Bandes – der eine, Winnetou, um den Mörder seines Vaters und seiner Schwester zu finden, der andere, um einen Job als Privatdetektiv anzunehmen und damit einen ganz anderen Handlungsstrang aufzumachen. Die Geschichte in Winnetou II läuft etwas holprig, weil Karl May hier mehrere zuvor veröffentlichte Episoden zu einer neuen Geschichte verbunden hat, schließlich musste nach dem Bombenerfolg des ersten Teils schnell ein Sequel her. In Band 2 lässt Karl May den namensgebenden Häuptling der Apachen erst relativ spät auftauchen – und zeigt auch immer wieder seine „wilde“ Seite. Hier wird gegen so viele Indianerstämme gekämpft – inklusive Skalpierung der ärgsten Feinde –, dass einem schon ein wenig schwindelig werden kann. Der Unterhaltungswert ist aber durchgehend hoch. Den Abschluss der Geschichte erfährt der Leser dann in Winnetou III.

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Dostojewskis Myschkin: zu gut für die Welt

Genau wie Karl May stattet auch Fjodor M. Dostojewski den Helden seines Romans Der Idiot mit biografischen Zügen aus. Genau wie der fortwährend mit der Armut kämpfende und vor seinen Gläubigern durch halb Europa fliehende Autor ist dessen Held Myschkin Epileptiker. Der Roman gilt als einer der ersten und gekonntesten psychologischen Romanen der Weltliteratur. Dostojewski entwirft mit dem verarmten Adligen Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin einen Charakter, der zu gut für die Welt ist – einen tumben Toren, der die Spielchen in der St. Petersburger Gesellschaft, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts gespielt werden, nicht mitmachen will, nicht mitmachen kann. Alle sind entweder sadistisch oder hinter dem Geld her – oder beides. Dostojewskis Held ist dagegen ein naiver Don Quijote: Aufgerieben zwischen der Liebe zu zwei Frauen, die ihn manchmal lieben und manchmal verachten, realisiert er seine Fehler erst in der fatalen Zusammenkunft mit seinem dunklen Schatten Rogoschin und im Angesicht der Leiche jener Frau, die beide haben wollten: Der eine scheitert, weil er ihre Liebe verspielte, der andere, weil er sie sich mit Gewalt nehmen wollte. Rogoschin ist für die Welt zu böse, Myschkin zu gut. Der Roman ist ein sensationelles Gesellschaftsporträt, das Dostojewski vor allem mit seinen geschliffenen Dialogen zu gestalten wusste.

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