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Davos 2019: Risiko!

Seit 2006 veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum (WEF) kurz vor seinem Jahrestreffen in Davos den globalen Risikobericht, und noch nie fiel dieser so düster aus wie in diesem Jahr: Wachsende geopolitische Spannungen, schwächelndes Wirtschaftswachstum, steigende Ungleichheit, zunehmender Populismus, rasanter technologischer Wandel und nicht zuletzt der Klimawandel stellten die Welt vor schwindelerregende Herausforderungen: „Von allen Risiken ist es bei der Umwelt am offensichtlichsten, dass die Welt in eine Katastrophe steuert“, heißt es in dem Bericht. Bleibt die Frage, ob das den rund 2500 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum heutigen Auftakt ihres Treffens in den schneebedeckten Schweizer Alpen nachhaltig die Laune verderben wird.

Das diesjährige Motto lautet: „Globalisierung 4.0: Gestaltung einer globalen Architektur im Zeitalter der vierten industriellen Revolution“. Klaus Schwab, WEF-Gründer und Vorsitzender, hat kürzlich seine Sorge zum Ausdruck gebracht, dass Europa beim Wettlauf in die digitale Zukunft endgültig abgehängt werden könnte. Er hält den aktuellen Handelskonflikt zwischen den USA und China in Wahrheit für einen Kampf der Giganten um die künftige Vorherrschaft in der Digitalwirtschaft. Was da auf uns zukommt, beschreibt er in Die Vierte Industrielle Revolution: kein simpler Umbruch, sondern eine Zeitenwende. „Die große Gefahr ist, dass es in einer hypervernetzten Welt mit wachsender Ungleichheit zu verstärkter Fragmentierung, Ausgrenzung und sozialen Unruhen kommt.“ Das schrieb Schwab Anfang 2016.

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Knapp drei Jahre später hat Donald Trump seine Teilnahme am WEF-Treffen aufgrund des Haushaltsstreits mit den Demokraten abgesagt, Emmanuel Macron möchte von den Gelbwesten-Protestlern zu Hause offenbar nicht Champagner trinkend inmitten der globalen Wirtschaftselite gesehen werden, und auch Theresa May, die im vergangenen Jahr in Davos noch eine flammendes Bekenntnis zum Freihandel abgab, hat momentan andere Sorgen.

Bei all dem scheint das laut Risikobericht dringendste Problem – die fortschreitende Zerstörung unseres Planeten – immer hinten anzustehen. Warum das so ist, erklärt Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht: Der Mensch ist heute zuallererst Konsument. Er will Geld verdienen und es wieder ausgeben – alles andere ist für ihn zweitrangig. „Wir hausen in den verfallenden Strukturen eines Nachkriegstraums“, so Bloms vernichtendes Fazit. Um den Herausforderungen von Klimawandel und Digitalisierung zu begegnen, bräuchten wir einen radikalen Wandel. In Wahrheit wünschen wir uns jedoch, dass alles so bleibt, wie es ist.

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Aber ist die Lage der Welt so verzweifelt, wie uns WEF-Bericht und Medienberichterstattung weismachen wollen? Überhaupt nicht, argumentiert der 2017 verstorbene Medizinprofessor Hans Rosling in Factfulness. Unsere Wahrnehmung beruhe weniger auf Fakten als vielmehr auf dem Instinkt der Angst. Tatsächlich gibt es laut Rosling keine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, viele Geißeln der Menschheit wurden erfolgreich besiegt, und die Welt wird insgesamt immer besser.

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Also doch kein Grund zur Sorge? Den Fortschritt ohne Rücksicht auf seine Kosten zu loben, bringt uns keinen Meter weiter, entgegnet Chandran Nair auf der WEF-Website. Der Gründer des asiatischen Thinktanks Global Institute for Tomorrow plädiert dafür, Fortschritt ganz neu zu definieren – weg vom Wachstum um jeden Preis und hin zu einer ökologisch und sozial nachhaltigen Entwicklungspolitik. Interessant wäre es zu erfahren, was WEF-Gäste wie Brasiliens neuer Staatschef Jair Bolsonaro davon halten. Auf jeden Fall gilt: Es bleibt spannend in Davos!

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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