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Kulturwandel jetzt!

Jedes vierte Unternehmen in Deutschland sieht sich durch die Digitalisierung in seiner Existenz bedroht. Die einen prophezeien, dass knapp die Hälfte aller Berufe obsolet werden könnten – die anderen versprechen netto sogar noch mehr und bessere Jobs. Fakt ist: Die Digitalisierung krempelt heute schon ganze Branchen um. Deshalb sollten Unternehmenslenker ihre Strategie eher früher als später überdenken, fordert der Managementcoach und Autor von Singularity Leadership, Jan Brecke.

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getAbstract: Die durchschnittliche Lebenserwartung von Unternehmen sinkt erheblich. Ist das Ihrer Meinung nach gut oder schlecht?

Alles eine Frage der Perspektive! Für den Verbraucher muss es nicht negativ sein, dass sich Unternehmen aufgrund höherer Konkurrenz mehr anstrengen müssen. Für Unternehmenslenker aber ist es ein existenzielles Problem, einen Trend zu verpassen. Und fast alle Vorstandsvorsitzenden haben berechtigterweise große Sorge, die Digitalisierung zu verschlafen.

getAbstract: Sie fordern, in Kreativität zu investieren, um den Überlebenskampf zu gewinnen. Früher galt Kreativität eher als Gottesgeschenk. Wie „investiert“ man darin?

Kreativität ist sicher auch eine Frage von Talent. Mir geht es in diesem Punkt aber eher darum, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern Arbeitszeit bereitstellen sollten, um kreativ und out-of-the-box zu denken. Das allein ist eine große Investition, zahlt sich aber langfristig aus. Zu kreativen Ideen braucht es nämlich Ruhe und Gelassenheit, und die Schwierigkeit besteht für die meisten darin, in der Hektik des Tagesgeschäfts keine Zeit für Kreativität zu finden.

getAbstract: In Deutschlands etablierten Unternehmen verfügen 92 Prozent der Führungskräfte über keinerlei digitale Erfahrung. Müssen die nun alle ihre Plätze räumen?

Nein, aber es braucht einen guten Mix aus digital versierten und nicht versierten Führungskräften – und viel Toleranz füreinander. Es gibt Unternehmenslenker, die mithilfe der Digitalisierung vor allem Kosten einsparen möchten und einen Kulturwandel völlig außer Acht lassen. Doch das ist zu kurz gesprungen. Ich habe eine Menge Unternehmen erlebt, die innerhalb kürzester Zeit ihr Kerngeschäft völlig umstellen mussten. Wenn etwa ThyssenKrupp keinen Stahl mehr produziert, dann wirkt sich das auf die gesamte Organisation und natürlich auch auf die Belegschaft aus. Definitiv funktioniert ein solcher Umbruch nicht ohne kulturellen Wandel!

getAbstract: Können Sie ein Beispiel für ein agil geführtes Unternehmen nennen – und weshalb es gegenüber traditionellen Unternehmen die Nase vorn hat?

In meinem Buch beschreibe ich etwa die Firma Automattic: Mitarbeiter verfügen hier über alle Daten im Unternehmen und können jederzeit die Software von WordPress verbessern. Es gibt kaum Hierarchien und Titel sowie ein hohes Maß an Gleichberechtigung und einen guten Wertekanon. Vor allem deshalb zeigen die Mitarbeiter eine hohe intrinsische Motivation.

getAbstract: Glauben Sie, dass auch Ihre Existenz als Managementcoach durch die technologische Singularität bedroht ist?

Die Frage ist durchaus berechtigt! Automatisierung bedroht letztlich alle standardisierbaren Jobs. Nehmen Sie den Beruf des Kochs. Kreative Sterneköche werden auch weiterhin Zulauf haben, denn hier gibt es Kunden, die bereit sind, für außergewöhnliche Leistungen einen hohen Preis zu zahlen. Für Kantinenköche gilt das nicht zwangsläufig, da ein Teil ihrer Arbeit auch von intelligenten Geräten nach dem Thermomix-Prinzip erledigt werden kann. Analog dazu wird es auch im Coaching verstärkt Standard-Lösungen wie Kurz-Coaching geben, das schon heute virtuell und online stattfindet. Künstliche Intelligenz kann jedoch keine Empathie entwickeln und individuell auf einen Menschen eingehen. Das leistet nur ein Coach aus Fleisch und Blut, und daran wird sich so bald nichts ändern.

getAbstract: Was raten Sie einem mittelständischen Unternehmer, der seine Organisation umbauen möchte?

In meinem postsingulären Manifest gebe ich zehn Handlungsempfehlungen für einen unternehmerischen Kulturwandel. In absoluter Kürze: Formulieren Sie authentische Unternehmenswerte und leben diese vor. Wählen Sie Führungskräfte aus, die sich durch hohe emotionale und intuitive Intelligenz auszeichnen. Fördern und trainieren Sie diese Eigenschaften. Trennen Sie die Innovation vom Standardgeschäft und führen Sie Innovatoren agil, weniger hierarchisch und projektbezogen. Und schließlich: Entwickeln Sie eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter auch Fehler machen dürfen, von denen die gesamte Organisation lernen kann.

 

Über den Autor

Jan Brecke arbeitet als Managementcoach und Berater mit einem Schwerpunkt auf der Zukunftsfähigkeit von Organisationen im digitalen Zeitalter. Zuvor war er 15 Jahre lang als Manager für große Unternehmen tätig.

 

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