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70 Jahre AEMR: das Recht, ein Mensch zu sein

„Ihr System ist anfälliger, als Sie glauben“, sagt der chinesische Politikwissenschaftler Zhang Weiwei in der kürzlich ausgestrahlten ZDF-Doku Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte. „Mit Blick auf die Geschichte sage ich, dass Ihre liberale Demokratie eine vorübergehende Sache sein könnte.“ Weiwei kann sich einen triumphierenden Unterton nicht verkneifen. Zuvor hat er deutlich gemacht, was er als stolzer Vertreter eines Regimes, das in nur einer Generation 600 Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit hat, von der am 10. Dezember 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) hält: rein gar nichts. Für China, die Weltmacht des 21. Jahrhunderts, sei diese irrelevant.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash sieht das naturgemäß anders. In seinem Buch Redefreiheit schreibt er: „Der Kampf um die Wortmacht ist auch ein Kampf um die Weltmacht.“ Trotz aller beunruhigenden Signale gibt er sich in dem im Frühjahr 2016 erschienenen Buch vorsichtig optimistisch. Für ihn ist unbestreitbar: Die Freiheit der Rede und Gedanken ist eine der wichtigsten Errungenschaften des Liberalismus. Ja sie ermöglicht es uns erst, Mensch zu sein. Auslöser des Buchprojekts war die Erkenntnis, dass der westliche Universalismus eines Updates bedarf. Daraufhin entwickelte der Autor in einem Crowdsourcing-Projekt zehn Prinzipien der Meinungsfreiheit für eine vernetzte Welt auf der Grundlage globaler Werte.

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Noch umfassender fällt die Verteidigung des westlichen Werteprojekts in Aufklärung jetzt aus: Der Menschheit geht es nach Ansicht des Psychologieprofessors Steven Pinker – allen Fortschritts- und Ökopessimisten, allen Trumps, Orbans und Brexiteers zum Trotz – besser als je zuvor. Unseren Wohlstand und unsere Freiheiten verdankten wir jedoch einzig dem im 18. Jahrhundert begonnenen Projekt der Aufklärung, das mit dem Glauben an universelle Menschenrechte begann und vor 70 Jahren in der AEMR gipfelte.

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Genau diesen Glauben findet der Risikoforscher, Ex-Trader und wortgewaltige Pinker-Gegner Nassim Nicholas Taleb nicht nur hoffnungslos naiv, sondern sogar richtig schäbig: In Das Risiko und sein Preis verwirft er die von westlichen Intellektuellen und Interventionisten beschworene universalistische Moral als praktisch wertlos. Zutiefst menschlich sind laut Taleb eher Stammesdenken und aufopfernder Einsatz für das unmittelbare Umfeld. Wer diese Eigenschaften ignoriere, der provoziere Bürgerkriege und moderne Sklaverei: „Es ist einem instinktiv klar, dass Menschen besser miteinander auskommen, wenn sie Nachbarn und nicht Zimmergenossen sind.“

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Was also bleibt, 70 Jahre nach dem historischen Tag in Paris? In der oben zitierten Doku werden zahlreiche Dissidenten, Journalisten und Aktivisten porträtiert, die Artikel 1 der AEMR – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ – täglich mit neuem Leben füllen und ihre Haut dafür aufs Spiel setzen. Aber dürfen wir uns damit zufriedengeben? Wohl kaum. Der vor Selbstbewusstsein strotzende Zhang Weiwei jedenfalls sieht die liberale Demokratie bereits am Ende: „Gehen Sie besser nicht davon aus, dass die hält. Sie hängt von zu vielen Voraussetzungen ab: zum Beispiel von verantwortungsbewussten Bürgern. Ohne die stecken Sie in großen Schwierigkeiten.“

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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