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Ein Fest für die Literatur

„Unsere Weihnacht ist, von den paar wirklich Frommen abgesehen, ja schon wirklich lange eine Sentimentalität. Zum Teil ist sie noch Schlimmeres geworden, Reklameobjekt, Basis für Schwindelunternehmungen, beliebtester Boden für Kitschfabrikation.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa aus einem aktuellen FAZ-Leitartikel oder der ARD-Sendung Das Wort zum Sonntag – es war Hermann Hesse, der seinen Landsleuten schon vor 101 Jahren die Weihnachtsleviten las.

Als Chronist der bürgerlichen Weihnacht, von der Hesse hier spricht, gilt Thomas Mann, der mit seinen Buddenbrooks den Niedergang einer Kaufmannsfamilie beschrieb. Heute kann man im Lübecker Buddenbrookhaus, dem Wohnhaus seiner Großeltern, „Weihnachten bei Buddenbrooks“ feiern und unter dem originalgetreuen Christbaum „geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien“ einer Lesung des berühmten Weihnachtskapitels aus dem Roman lauschen. Es beginnt mit den bedeutungsschwangeren Worten: „Die Vorzeichen mehrten sich.“ Zwischen Flittergold, Marzipan und Braunem Kuchen nimmt das Wunder, erzählt aus der Sicht des kleinen Hanno, seinen Lauf – eines, das inmitten feierlicher Rituale und reich geschmückter Gabentische bereits die Vorzeichen des Verfalls in sich trägt. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet der nüchterne, distanziert-ironische Thomas Mann den vielleicht schönsten und stimmungsvollsten Heiligabend in der deutschen Literaturgeschichte beschrieb – ein Fest, das sich nachzulesen lohnt.

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Wer die prächtige, von Kerzenlicht erleuchtete Bürgerstube verlassen und sich hinaus in die wilde, winterliche Natur begeben möchte, kann das mit Adalbert Stifters Biedermeier-Erzählung Bergkristall tun. Es ist die Geschichte eines Geschwisterpaars, das am Heiligabend auf einem Berg in ein Schneetreiben gerät, sich in eine Gletscherhöhle rettet – und am nächsten Morgen ein Weihnachtswunder erlebt, als die Bewohner der verfeindeten Dörfer ihrer Eltern Frieden schließen. Stifter hat mit der schroffen Schnee- und Eiswelt eine der eindrucksvollsten literarischen Winterlandschaften überhaupt geschaffen: „Die Schneewolken waren ringsum hinter die Berge hinabgesunken, und ein ganz dunkelblaues, fast schwarzes Gewölbe spannte sich um die Kinder voll von dichten, brennenden Sternen, und mitten durch diese Sterne war ein schimmerndes, breites, milchiges Band gewoben, das sie wohl auch unten im Tale, aber nie so deutlich gesehen hatten.“ Die Botschaft, zur Weihnachtszeit Grenzen zwischen Nachbarn und Mauern in den Köpfen zu überwinden, mag angesichts der weltpolitischen Lage naiv erscheinen – doch liegt nicht darin der Zauber dieser Zeit?

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Das findet auch Fred, Ebenezer Scrooges Neffe im Weihnachtslied von Charles Dickens, als er seinem Onkel am Heiligen Abend frohe Weihnachten wünscht und ihn zum Essen einlädt. „Fröhliche Weihnachten?“, entgegnet der grimmige Geizhals, der ein Jahrhundert später für die Figur Dagobert Ducks Pate stehen sollte. „Was für ein Recht hast du, fröhlich zu sein? … Du bist arm genug.“ Auch in dieser weltberühmten Geschichte geht um ein Weihnachtswunder – das eines Misanthropen, der als Menschenfreund wiedergeboren wird. Anders als Stifter in seiner zwei Jahre zuvor erschienenen Erzählung verkündete Dickens 1845 eine nicht nur moralische, sondern auch gesellschaftskritische Botschaft, die sein Zeitgenosse Karl Marx enthusiastisch begrüßte: Armut inmitten von Überfluss ist eine Schande.

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Auf jeden Fall ist Weihnachten mit seinen reichen Ritualen, verkorksten Familienfesten und gelebter Nächstenliebe ein ergiebiger Stoff, an dem sich die meisten großen Schriftsteller der Weltliteratur abgearbeitet haben. Nicht einmal Hesse wollte seinen Lesern völlig den Spaß verderben. „Zündet euren Kindern die Weihnachtsbäume an! Lasset sie Weihnachtslieder singen!“, schrieb er in dem oben zitierten Text weiter. „Aber betrüget euch selber nicht, seid nicht immer und immer wieder zufrieden mit diesem ärmlichen, sentimentalen, schäbigen Gefühl, mit dem ihr eure Feste alle feiert! Verlangt mehr von Euch!“

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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