getAbstract International Book Award

Alles dumme Klickviecher

Social Media und Smartphones funktionieren wie Spielautomaten: Sind wir erst einmal angefixt, können wir nicht mehr ohne sie. Das gleiche Glücksgefühl wie ein Gewinn am einarmigen Banditen erzeugen auch Likes und Shares auf Facebook & Co. Jedes Klingeln, Summen, Piepen bewirkt einen kleinen Schuss Glückshormon im Gehirn. Doch diese Droge gibt es nicht umsonst. Der Einsatz: Daten, mit denen die Internetkonzerne Milliarden scheffeln. Ob nun Social Media, Handyspiele oder Clickbaiting-News: Das Internet hat aus intelligenten Usern dumme Klickviecher gemacht. Deshalb fordert Schlecky Silberstein in seinem gleichnamigen Buch: Das Internet muss weg. Warum, das erklärt er im Interview.

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getAbstract: Wenn man Ihr Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass Sie auf das Internet richtig sauer sind. Wie kam es dazu – immerhin sind Sie mit ihrem Blog selbst sehr erfolgreich in diesem Medium?

Ohne das Internet hätte ich nie Karriere gemacht, da bin ich mir ganz sicher. Man kann auch sehr viel vom Internet behalten, aber die Dinge, die nicht funktionieren, sind so zerstörerisch, dass sich nahezu alle großen Probleme der Gegenwart auf das Internet, speziell auf Social Media, zurückführen lassen.

getAbstract: Warum ist Facebook verantwortlich für den Untergang des Qualitätsjournalismus?

Facebook ist so etwas wie der größte Zeitungskiosk der Welt. Eine Nachricht, die möglichst viele Menschen erreichen soll, muss entsprechend für Facebook optimiert sein. Mehrere Studien belegen, dass Lautstärke und polarisierende Inhalte deutlich mehr Reichweite erzielen als eine differenzierte Berichterstattung, die sich an die Regeln des guten Journalismus hält.

getAbstract: Fake News sind eine ernsthafte Bedrohung. Warum sind sie so erfolgreich?

Über Fake News kann man der Fantasie freien Lauf lassen und wirklich spektakuläre Geschichten erzählen. Der klassische Journalismus hat den Nachteil, dass man nur über das berichten darf, was wirklich passiert ist. Und das ist manchmal sehr langweilig.

getAbstract: Wir alle kennen das: eine reißerische Überschrift, die dazu verleitet, einen, meist boulevardesken Beitrag anzuklicken. Und dann kommt nur heiße Luft. Trotzdem sind diese vorhersehbar blöden Teaser erfolgreich. Warum sind Internetnutzer eigentlich so verdammt dumme Klickviecher?

Viele Menschen glauben, sie wüssten, wie Menschen funktionieren, weil sie selbst schon so lange Mensch waren. Das ist eine dramatische Fehleinschätzung. Seit über 100 Jahren entdeckt die Psychologie immer neue Wahrnehmungs-, Entscheidungs-, und Urteilsfehler, die ganz normal sind und in der Regel alle betreffen. Viele unserer Reflexe haben sich in einer Zeit ausgebildet, in welcher der Homo sapiens sein ganzes Schaffen darauf konzentriert hat, nicht zu sterben. Wenn wir heute auf doofe Headlines klicken, obwohl wir genau wissen, dass wir verarscht werden, liegt der Ursprung dieses Reflexes möglicherweise in der Nahrungssuche. Und die ist nichts anderes als ein System, in dem Überraschungen und Erwartungen unser Handeln prägen.

getAbstract: Denken wir mal an unsere Kinder – wie kann man sie vor den negativen Auswirkungen des Internets und der Social Media schützen. Beziehungsweise … kann man das überhaupt?

Zunächst sollten wir uns immer vor Augen führen, dass wir nicht wissen, was das Internet beziehungsweise adaptive Algorithmen mit den Gehirnen von Kindern machen. Es gibt noch keine Studien, vielleicht ist alles halb so wild. Aber wir sollten trotzdem so lange skeptisch bleiben, bis die Forschung Entwarnung gibt.

getAbstract: Wird das alles nicht noch schlimmer, wenn künstliche Intelligenzen zukünftig das Ruder in die Hand nehmen?

Künstliche Intelligenzen sind eine faszinierende Sache, aber man sollte ihnen nicht zu viel Verantwortung übertragen. Jeder Algorithmus wurde von fehlbaren Menschen programmiert, und selbst perfekt programmierte Algorithmen haben kein Bewusstsein darüber, dass sie möglicherweise in eine falsche oder gefährliche Richtung arbeiten.

getAbstract: Der Tech-Pionier Jaron Lanier sieht einen entscheidenden Fehler, der in der Entwicklung des Internets begangen wurde: den Versuch, alles kostenlos zu machen und gleichzeitig Techunternehmen wie Google oder Facebook fast kultisch zu verehren. Deshalb sei das Datenkraken-Modell entstanden, denn gezahlt wird freilich doch – aber eben mit Daten und der Bereitschaft, sich manipulieren zu lassen. Lanier schlägt vor, für alles künftig mit klingender Münze zu zahlen und damit das Datengeschäft auszutrocknen. Was halten Sie von dem Vorschlag?

Ich mag den Gedanken, aber wir sind leider schon zu weit. Hätten wir uns von Anfang an daran gewöhnt, auch im Internet für Dienste zu zahlen, wäre das eine andere Sache. Ich spreche mich dafür aus, das Datengeschäft per Gesetz zu verbieten.

Das Internet muss weg ist für den getAbstract International Book Award nominiert. getAbstract verleiht den Buchpreis am 10. Oktober 2018 zum 18. Mal auf der Frankfurter Buchmesse.

Über den Autor

Schlecky Silberstein ist Head Autor der Show Bohemian Browser Ballett und betreibt mit schleckysilberstein.com Deutschlands erfolgreichsten Blog für Webkultur. Seit 2017 kämpft er für mehr digitale Aufklärung und schwört: Die größten Probleme der Menschheit gehen zur Stunde exklusiv auf das Internet zurück.

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