Viele reden über die Digitalisierung wie über eine Naturkatastrophe: Schon bald, so der Tenor, werde sie über uns hereinbrechen und Millionen Stellen hinwegfegen. Unsinn, entgegnet der Führungsexperte Reinhard K. Sprenger. Der Autor von Radikal digital und Finalist für den diesjährigen getAbstract International Book Award ist überzeugt: Die Digitalisierung macht den Menschen nicht überflüssig. Im Gegenteil: Sie rückt ihn wieder in den Mittelpunkt des Geschehens.

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getAbstract: Herr Sprenger, viele sehen in der Digitalisierung der Arbeitswelt eine Bedrohung. Sie begrüßen diese als Chance. Warum?

Das ist ja die Pointe der Digitalisierung! Die digitale Technik der neuen Welt fördert paradoxerweise das, was die industrielle Technik unterdrückte: den Menschen als Gestalter, nicht nur als Ausführenden. In den Unternehmen konkretisiert sich dies als Wiedereinführung des Kunden, der Kooperation und der Kreativität. Das Allgemeine der Technik und das Effiziente treten in den Hintergrund; das Besondere des Menschen und das Effektive treten in den Vordergrund. Und das Spiel um die Zukunft wird an der Ideenfront entschieden – weil nicht Technologie Ideen erzeugt, sondern Ideen Technologie.

getAbstract: Sie schlagen vor, bewährte Managementmethoden und Strukturen abzuschaffen und das Unternehmen nur um Kundenprobleme herum zu organisieren. Das ist in der Tat radikal. Was tun bei internen Widerständen?

Man hat bei Veränderungen immer jene zu Gegnern, die aus dem Status Quo ihre Vorteile ziehen. Und dieser Status Quo ist nicht selten kundenignorant, manchmal gar kundenfeindlich. Man denke nur an die internen Zielvorgaben: Einige von den defensiven Kräften wird man gewinnen, wenn man plausibel machen kann, dass durch radikale Kundenzentrierung eine gemeinsame Zukunft ermöglicht wird. Von jenen, die dann immer noch veränderungsavers im Abfluss kreiseln, muss man sich trennen.

getAbstract: Viele Unternehmen nutzen die Bereitstellung von Homeoffice-Arbeitsplätzen zur Mitarbeiterbindung. Sie halten nicht viel davon. Warum nicht?

Das ist in dieser Verkürzung falsch. Ich empfehle nicht, das Homeoffice abzuschaffen. Man muss unterscheiden: Manche Tätigkeiten eignen sich für das Homeoffice, andere nicht. Manche Menschen eignen sich für das Homeoffice, andere nicht. Und alles, was man ins Extreme steigert, ist falsch – sowohl die Nähe, als auch die Vereinzelung. Die Frage berührt letztlich den Wesenskern des Unternehmens: Kooperation. Man muss das also von Fall zu Fall entscheiden. Aber der Kooperations-Vorrang im Unternehmen setzt dem Homeoffice Grenzen.

getAbstract: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Am Anfang jedes kreativen Prozesses steht ein kluger Mensch, der eine dumme Frage stellt.“ Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Dafür gibt es unzählige Beispiele. Der bekannteste Fragensteller dürfte Steve Jobs gewesen sein: „Was passiert eigentlich mit unserem iPod, wenn die Telefonhersteller das Schnittstellenproblem zu unserer Technik lösen?“ Jeder trug ja ein Handy bei sich, aber nur wenige einen iPod. Diese Frage war die Geburt des iPhone.

getAbstract: Sie glauben, dass die Digitalisierung mehr neue Arbeitsplätze schaffen als alte vernichten wird. Was aber sagen Sie Menschen, die ihren unkreativen Job nicht missen möchten?

Wird man in hundert Jahren irgendwelchen langweiligen Bürojobs oder aufreibenden Über-Kopf-Arbeiten eine Träne nachweinen? Und zeigen die Umfragen nicht schon lange das Bedürfnis der Mitarbeiter nach sinnvollen und kreativen Aufgaben? Dafür bestehen nun realistische Chancen. Außerdem kommt die maschinisierte Arbeit als hochwertiges Hand-Werk in Produktion und Dienstleistung zurück. Aber der Übergang wird einige Zeit dauern und muss moderiert werden. Kurzfristige Veränderungen wurden wirtschaftshistorisch immer überbewertet, langfristige eher unterbewertet. Und, noch einmal, auf die langfristigen dürfen wir uns freuen.

getAbstract: Und was raten Sie Ihren Lesern, die sich fit machen möchten für den Wandel?

Versuche nicht, ein Rennen zu gewinnen, das du nicht gewinnen kannst. Die Maschine ist immer schneller. Konzentriere dich auf das, was nur Menschen können. Nutze deinen „Human Touch“. Nutze deine Sprache. Nutze vor allem deine Urteilskraft – die wird der maschinellen Intelligenz immer überlegen sein.

Radikal digital ist für den getAbstract International Book Award nominiert. getAbstract verleiht den Buchpreis am 10. Oktober 2018 zum 18. Mal auf der Frankfurter Buchmesse.

Über den Autor

Reinhard K. Sprenger gilt als einer der wichtigsten Managementberater und Wirtschaftsvordenker Deutschlands.

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