Hand aufs Herz: Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass Ihr Kollege dank Hirndoping Spitzenleistungen erbringt und Ihnen die Beförderung vor der Nase wegschnappt? Oder dass die Freundin Ihrer Tochter nur deshalb lauter Einsen nach Hause bringt, weil sie leistungssteigernde Mittel schluckt? Wir sollten darüber nachdenken, fordert die Finalistin für den diesjährigen getAbstract International Book Award, Miriam Meckel, in Mein Kopf gehört mir.

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getAbstract: Frau Meckel, Sie sehen Experimente am menschlichen Gehirn, Hirndoping und den aufziehenden „Neurokapitalismus“ skeptisch. Warum?

Das stimmt so nicht. In diesen neuen Technologien liegen allein medizinisch gesehen Riesenchancen. Skeptisch bin ich allerdings dann, wenn daraus eine Lifestyle-Bewegung wird nach dem Motto: Ab sofort optimieren wir unsere Gehirne, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Daraus kann ein Gesellschaftsmodell hervorgehen, in dem eine neue soziale Spaltung entlang der Frage entsteht, ob man sich Technologien leisten kann, um die kognitive Leistungsfähigkeit anzukurbeln. Das wäre dann der Neurokapitalismus.

getAbstract: Stichwort Medienrevolution: Schon Platon lehnte einst die Schrift ab, weil sie angeblich die Gedächtnisfähigkeit beeinträchtige. Weshalb sollte dieses Mal alles anders sein?

Natürlich, oft begegnen Menschen neuen Technologien mit Skepsis, weil Veränderungen als Bedrohung wahrgenommen werden. Darin unterscheidet sich die Zeit von Platon oder Gutenberg nicht groß von der heutigen. Ich glaube, was uns mit der Künstlichen Intelligenz erwartet, kann mit der Revolution durch die Erfindung der Druckerpresse mithalten. Und: In Sachen Schnelligkeit und Reichweite sind digitale Technologien bislang historisch unschlagbar.

getAbstract: Manche Forscher gehen deshalb davon aus, dass maschinelle Intelligenz sich früher oder später verselbständigen wird. Sie entgegnen, intelligente Systeme könnten zwar vieles lernen, aber nichts verstehen. Wer hat Recht?

Keiner oder beide. Der Punkt ist: Wenn maschinelle Intelligenz unser Verhalten und Denken immer besser analysieren und irgendwann perfekt vorhersagen kann, ist es egal, ob sie „denkt“, also ein Bewusstsein hat. Wir können den Unterschied zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz dann einfach nicht mehr feststellen. Maschinen brauchen also kein Bewusstsein, um zu ebenbürtigen Mitstreitern zu werden.

getAbstract: Erkenntnisse der Hirnforschung geben Unfallopfern oder unheilbar Kranken Grund zur Hoffnung. Lässt sich legitime medizinische Forschung überhaupt von dubiosen Anwendungen trennen?

Das lässt sich sehr klar trennen. Medizinischer Fortschritt beruht auf intensiver, jahrzehntelanger Forschung. Und es gibt gute Gründe, dass medizinische Produkte ein Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen. Das gilt für andere Anwendungen so nicht. In den USA habe ich ein Lifestyle-Produkt ausprobiert, mit dem man das Gehirn unter Strom setzen kann, um aufmerksamer oder entspannter zu werden. Wer will, kann sich dem zu Hause stundenlang aussetzen – ohne zu wissen, welche langfristigen Folgen das hat.

getAbstract: Im Grunde ist „Human Enhancement“ nur die logische Konsequenz der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Warum halten Sie es dennoch für bedenklich?

Der Wunsch nach Selbstoptimierung ist so alt wie die Menschheit. Deshalb stimmt es schon: Warum sollte sie nicht auch unsere Denkleistung betreffen? Die Frage ist aber: Wie wird das genau aussehen? Wichtig finde ich, dass wir Menschen bleiben und nicht versuchen, den Maschinen immer ähnlicher zu werden.

getAbstract: Wie würden Sie persönlich mit Menschen umgehen, von denen Sie wissen, dass sie sich einem Hirndoping unterzogen haben?

Wie mit allen anderen Menschen auch: aufgeschlossen und neugierig. Jede und jeder muss selbst wissen, was er oder sie mit sich selbst macht. So viel Eigenverantwortung darf sein.

getAbstract: Und was raten Sie Ihren Lesern, die sich für den Schutz der Gedankenfreiheit einsetzen möchten?

Wir haben als Menschen die Ausstattung dafür bekommen, uns zu entscheiden, wie wir leben wollen. Unser Gehirn ist ein wunderbares Organ, mit dem wir bestimmen können, was wir wollen und was wir wollen sollten. Nutzen wir es doch einfach, um über die Zukunft nachzudenken – wir sind so frei.

Mein Kopf gehört mir ist für den getAbstract International Book Award nominiert. getAbstract verleiht den Buchpreis am 10. Oktober 2018 zum 18. Mal auf der Frankfurter Buchmesse.

Über die Autorin

Prof. Dr. Miriam Meckel ist die Herausgeberin der WirtschaftsWoche und von ada, der neuen Plattform für das digitale Leben und die Wirtschaft der Zukunft.

Buchtrailer Piper Verlag

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