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Daten sind das neue Geld

Unser Geld ist immer weniger wert – und das meinen die beiden Autoren von Das Digital nicht wortwörtlich. Es ist eher die Funktion des Geldes, als Wertmaßstab, die sie dahingehen sehen. Und was tritt an die Stelle des Geldes? Daten. Wir können es bereits überall beobachten, denn in der digitalen Wirtschaft zahlen wir meist nicht mehr mit klingender Münze, sondern mit persönlichen Informationen wie Vorlieben, Interessen, Wünschen. Entsprechend gilt auch: Nicht Banken, sondern Technologieunternehmen sind die neuen Akteure in diesem Spiel mit veränderten Spielregeln. Wie der neue digitale Datenkapitalismus funktioniert, erklären Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger im Interview.

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getAbstract: Die Kernthese Ihres Buches lautet: Daten werden Märkte grundsätzlich verändern. Sie sprechen vom Datenkapitalismus. Wie meinen Sie das?

Thomas Ramge: Unsere Wahrnehmung ist: Bei den langen Diskussionen über Digitalisierung wird oft ein wesentlicher Punkt übersehen. Daten lassen Märkte zu dem werden, was diese immer sein wollten – nämlich ein extrem effizienter Mechanismus zu Koordinierung menschlicher Zusammenarbeit. Datenreiche Märkte können den Industrie- und Finanzkapitalismus auf die nächste Stufe heben. Im Datenkapitalismus werden Unternehmen und Geld eine weniger wichtige Rolle spielen. Unser Anspruch beim Schreiben war, eine sehr breite Perspektive einzunehmen und digitale Veränderung in eine ökonomische und gesellschaftliche Gesamtperspektive zu rücken, die noch nicht hundertfach diskutiert wurde.

getAbstract: Wie lang wird es dauern, bis die beschriebenen Entwicklungen eintreten?

Viktor Mayer-Schönberger: Viele Beispiele im Buch zeigen, dass die Übergangsphase zum Datenkapitalismus längst begonnen hat – und zwar im Guten wie im Problematischen. Transaktionen auf Märkten laufen dank vieldimensionaler Daten immer geschmeidiger ab. Das Einkaufserlebnis auf Amazon ist dafür ein alltägliches Beispiel. Und gleichzeitig sehen wir eine Oligopolisierung, also die Herrschaft einiger weniger Akteure, und Monopolisierung auf vielen datenreichen Märkten. Die stellen das Prinzip des Marktes infrage.

getAbstract: Hier machen Sie im Buch einen konkreten Vorschlag, der ja auch von der Politik inzwischen aufgegriffen wurde: die progressive Daten-Sharing-Pflicht. Die Sozialdemokraten erarbeiten auf Grundlage Ihrer Idee gerade hierzu eine Gesetzesvorlage. Was genau ist diese Daten-Sharing-Pflicht?

Viktor Mayer-Schönberger: In den letzten zwanzig Jahren ist es einer neuen Generation von Superstarfirmen mit digitalen Plattformen gelungen, Quasi-Monopole zu errichten. Dieser „The-Winner-Takes-It-All-Trend“ wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken, wenn KI-Systeme, die mithilfe von Daten lernen, der Digitalisierung und datenreichen Märkten den Turbo zuschalten. Das Kartellrecht, gemacht zum Schutz vor Stahlbaronen, zeigt sich dagegen schon jetzt als vollkommen machtlos. Deshalb schlagen wir mit der progressiven Daten-Sharing-Pflicht eine regulatorische Innovation wider den Datenmonopolkapitalismus vor. Das hört sich kompliziert an, aber das Prinzip ist im Kern einfach. Die Unternehmen mit extremem Datenreichtum müssen ihre Daten mit Wettbewerbern teilen.

Thomas Ramge: Konkret kann das so aussehen: Die Pflicht zum Teilen von Daten setzt ein, sobald ein Unternehmen einen bestimmten Marktanteil erreicht. Beispielsweise bei zehn Prozent. Überschreitet das Unternehmen diese Schwelle, muss es einen Teil seiner Daten mit allen Wettbewerbern teilen, die dies wünschen.

getAbstract: Wie soll der Staat diese Rolle als Aufpasser und Ausgleicher für einen fairen Wettbewerb in der Datenanalytik erfüllen? Kann er das?

Thomas Ramge: Der Staat muss seinen digitalen IQ rasch erhöhen. Das ist weder leicht noch billig. Entsprechende Experten und Talente sind rar. Behörden müssen im Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter gegen die dicken Gehaltsschecks und das coole Arbeitsumfeld antreten, mit denen Start-ups und digitale Champions in Berlin und London, in Paris und Barcelona, in New York und im Silicon Valley locken. Doch wir haben keine Alternative. Der Staat muss »Quants« rekrutieren, hoch qualifizierte Datenanalysten und Informatiker, will er nicht das Risiko des Versagens von datenreichen Märkten mit unabsehbaren Folgen eingehen. Es fällt uns nicht leicht, mehr Bürokratie zu fordern. Aber ohne starke Institutionen, die Regeln setzen und durchsetzen können, sind datenreiche Märkte höchst anfällig für eine gefährliche Konzentration von Entscheidungsmacht und Kontrolle.

getAbstract: In der Unterzeile Ihres Buches geht es um Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit. Punkt drei ist noch offen: Was wird denn aus der Gerechtigkeit, wenn die großen Datenkraken die Währung der Zukunft horten und dadurch immer mächtiger werden?

Viktor Mayer-Schönberger: Wir hoffen, dass der Datenkapitalismus eine digitale soziale Marktwirtschaft hervorbringt. Der Staat muss dafür sorgen, dass die großen Digitalkonzerne keine Oligopole und Quasi-Monopole bilden können, sondern fairer Wettbewerb herrscht. Zugleich müssen Menschen lernen, Daten und die sogenannte künstliche Intelligenz zum Wohl des Einzelnen und für Gemeinschaften zu nutzen. Und beides muss in Einklang gebracht werden. Genau das beschreiben wir in unserem Buch. Das Digital möchte ein Beitrag zu der Diskussion sein, wie wir digitale Veränderung so gestalten, dass es Wohlstand und Teilhabe für alle mehrt und nicht nur für Digitalkonzerne und deren Aktionäre. Wir können mit Daten die Marktwirtschaft neu erfinden, sie intelligenter machen, sozialer und gerechter. Das Gegenteil ist freilich ebenfalls denkbar. Wir müssen uns entscheiden.

Das Digital ist für den getAbstract International Book Award nominiert. getAbstract verleiht den Buchpreis am 10. Oktober 2018 zum 18. Mal auf der Frankfurter Buchmesse.

Über die Autoren

Viktor Mayer-Schönberger war zehn Jahre Professor in Harvard und hat heute den Lehrstuhl für Internet Governance in Oxford. Bekannt wurde er durch sein Engagement für das digitale Vergessen im Internet und seinen weltweiten Bestseller Big Data.

 

Thomas Ramge ist Technologie-Korrespondent bei brand eins und schreibt für The Economist. Er wurde mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet. Ramge hat elf Sachbücher veröffentlicht, darunter den Spiegel-Bestseller Die Flicks und Wirtschaft verstehen mit Infografiken (zusammen mit Jan Schwochow).

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