Erfolgreich handeln Produktiv sein

Wenn Einfachheit so einfach wäre …

Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zusammen. Zum Beispiel der spürbar wachsende Trend zum Minimalismus und immer neue Rekordmeldungen aus den Einzelhandels-, Tourismus- und Immobilienbranchen. Unzählige Bücher und Websites geben Tipps und Anleitungen, wie wir sinnlose Impulskäufe im Keim ersticken, nachhaltig reisen und in Tiny Houses auf 15 Quadratmetern glücklich werden können. Gleichzeitig feiern Textildiscounter, Billigflieger und ziellose Zersiedlung fröhliche Urständ.

Dieses grundlegende Dilemma war dem Philosophen David Bosshard schon bewusst, als er 2011 in The Age of Less schrieb: „Die Herausforderung liegt darin, Nachhaltigkeit nicht zur Nice-to-have-Taktik für wohlmeinende Mittelschichtangehörige verkommen zu lassen und letztendlich im bloßen Greenwashing zu enden.“ Er argumentiert leidenschaftlich gegen den zerstörerischen Überfluss und für weniger Konsum, Geschwindigkeit, Essen und Stress. Also ganz im Sinne der Minimalisten. Oder doch eher der wohlmeinenden Mittelschichtangehörigen?

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In seinem Buch Simplicity behandelt Benedikt Weibel die Einfachheit nicht als Gegenpol zum Überfluss, sondern zur Komplexität: „Reduktion ist ein Überlebensprinzip. Ohne Reduktion auf das Wesentliche verlieren wir uns im Meer der unendlichen Vielfalt.“ Die berühmte Ockham’sche Regel – finde das Wesentliche und schneide den Rest mit dem Rasiermesser ab – macht solche Menschen zu Meistern, die Muster erkennen und Mut zur Lücke beweisen. Die amerikanische Short Story etwa habe diese Grundidee zum literarischen Prinzip erhoben, schreibt Weibel: „Einfach ist aufwändiger als kompliziert. Einfach ist wirkungsvoller als kompliziert. Weniger ist mehr.“

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Heißt also auch: Vereinfachung macht die Dinge nicht automatisch leichter. Im Gegenteil. Wie Sie Ockhams Rasiermesser bei der Erstellung von Konzepten, Strategien und Entscheidungspapieren möglichst effektiv ansetzen, beschreiben die Autoren von Reframe it!: Das Buch ist ein prall gefüllter Werkzeugkasten, der Ihnen hilft, komplexe Sachverhalte neu zu verpacken und mithilfe von bildhafter Sprache, Geschichten und Metaphern mehrere Glühbirnen gleichzeitig in den Köpfen Ihres Publikums anzuknipsen.

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Bei unserem Ausgangsdilemma hilft uns Ockham indes nicht weiter: Wie können wir einen abseitigen Lifestyle-Trend für ökologisch Statusbewusste in konkrete Wirtschaftspolitik übersetzen? Kate Raworth macht dazu in Die Donut-Ökonomie einige Vorschläge. Sie möchte künftig alle Menschen in der Teigzone des Donuts unterbringen, denn im Loch des Rings leben die einen derzeit unter prekären Bedingungen, während die anderen am Rand unsere natürlichen Ressourcen gnadenlos überstrapazieren. Noch treiben verstärkende Rückkopplungsschleifen – etwa beim Thema Ungleichheit – die Menschheit aus dem Krapfen heraus und damit dem Abgrund entgegen. Die Autorin ist jedoch überzeugt, dass ein nachhaltiges Leben im Donut möglich ist. Ihre Prognose: „Das Zurückdrängen der finanziellen und kulturellen Vorherrschaft des Konsumismus im öffentlichen und privaten Leben dürfte zu einem der packendsten psychologischen Dramen des 21. Jahrhunderts werden.“

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Sicher ist nur: Einfach wird das nicht.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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