getAbstract Neugierig bleiben Top Story

Ein Mont Blanc an Herausforderungen

„Und, wie hast du’s mit Macron?“ Für mich war das die Gretchenfrage des Sommers 2018. Ich bin in diesem August drei Wochen lang mit unseren Töchtern von Couch zu Couch quer durch Frankreich gereist, und die Antworten meiner Bekannten lagen irgendwo zwischen vorsichtigem Optimismus und kaum verhohlener Abscheu. „Dieser Mann hat nur ein Ziel: unsere Sozialsysteme zu demontieren“, ereifert sich eine Freundin, die beim öffentlich-rechtlichen Radio France arbeitet. „Wir müssen ihm mehr Zeit geben – und endlich aufhören, die Privatwirtschaft als Erzfeind der Franzosen zu behandeln“, entgegnet ein Freund nicht weniger aufgebracht. Er arbeitet als Netzwerkingenieur für den Telekommunikationsanbieter Orange.

Fast bereue ich meine Frage, die an diesem lauen Sommerabend in der Bretagne ein wundervolles Apéro-Diner unter Freunden zu verderben droht – so sehr reden sich die beiden in Rage. Die Diskussion unterstreicht den tiefen ideologischen Graben, der sich zwischen den Franzosen auftut, und den auch der FAZ-Korrespondent in Paris, Christian Schubert, in seinem Buch Der neue französische Traum thematisiert: Emmanuel Macron ist angetreten, die traditionell starke Rolle des Staates in der Wirtschaft zu beschneiden, und er scheint sein Programm durchzuziehen. Das kritisieren die einen als rücksichtslos und neoliberal, die anderen begrüßen seine Politik als notwendig und konsequent.

LESEN AUF GETABSTRACT

Alle meine Bekannten haben für Macron gestimmt, darunter einige mit zugehaltener Nase, aus Mangel an Alternativen. Doch nun sind selbst seine ursprünglichen Anhänger ernüchtert. Manche nehmen ihm die Arroganz übel, die er zuletzt offen heraushängen ließ. Andere sehen darin eine typisch französische Herrscherattitüde. „Trotz aller Beteuerungen des Gegenteils – wir Franzosen sehnen uns in Wahrheit nach einem ‚grand homme‘“, bemerkt eine Bekannte, ihrerseits Historikerin am Pariser Nationalarchiv, kurz vor unserem Besuch des Versailler Schlosses: „Wir können es uns einfach nicht verzeihen, dass wir unserem eigenen König den Kopf abgeschnitten haben.“

Und wie steht es mit seiner innenpolitischen Bilanz – gut ein Jahr nach dem überwältigenden Wahlerfolg? Macron hat die Lockerung des Kündigungsschutzes und eine Bahnreform gegen den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften durchgesetzt. Außerdem wurde die Vermögensteuer abgeschafft. „Er hat aber auch Steuererleichterungen für die Mittelklasse versprochen. Und was ist passiert? Ich habe im vergangenen Jahr 600 Euro mehr, nicht weniger Steuern gezahlt“, klagt ein Freund, der für eine Umweltberatungsfirma in Toulouse tätig ist. „Wir Durchschnittsverdiener müssen für die Steuergeschenke an Superreiche und Großkonzerne aufkommen.“

In der Gruppe der Akademiker und leitenden Angestellten hatten 83 Prozent für Macron gestimmt, während 53 Prozent der Arbeiter die rechtspopulistische Marine Le Pen wählten. Zuletzt sanken Macrons Zustimmungswerte auf 27 Prozent, nur einen Prozentpunkt über denen seines Vorgängers François Hollande zum gleichen Zeitpunkt seiner Amtszeit. Zudem sind die enormen sozialen Probleme im Land nach wie vor ungelöst. Dabei sticht vor allem die gescheiterte Integrationspolitik ins Auge. Das Ferienparadies der Provence im Südosten Frankreichs ist nicht nur in den Großstädten Marseille oder Nimes, sondern selbst in der tiefsten Provinz von „Cités“ geprägt: Hochhausghettos, in denen fast ausschließlich nordafrikanische Einwanderer und deren Nachfahren leben und in die kaum ein Franzose mehr freiwillig einen Fuß setzt. Im elsässischen Straßburg beklagt die afroamerikanische Frau meines Bekannten den täglichen Rassismus, dem sie ausgesetzt ist.

Auch Christian Schubert beschäftigt sich in seinem Buch mit diesen und anderen Problemen: „Emmanuel Macron steht in den nächsten fünf Jahren vor einem Berg an Herausforderungen. Wenn es kein Everest ist, so doch der Mont Blanc.“ Aber er gibt der Verwirklichung des neuen französischen Traums eine realistische Chance. Ich wünsche es diesem wundervollen Land von Herzen.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

%d Bloggern gefällt das: