Neugierig bleiben

Der Traum von der Unsterblichkeit

„Als Transhumanist habe ich keine Achtung vor dem Tod. Ich habe keine Geduld für ihn, und er ärgert mich.“ Das hat Natasha Vita-More dem Autor von Unsterblich sein gesagt. Die bemerkenswert gut konservierte 68-Jährige mit dem programmatischen Künstlernamen ist laut New York Times die erste transhumanistische Philosophin in einer von Männern dominierten Disziplin. Mit ihrer Aussage bringt sie die Geisteshaltung ihrer Bewegung auf den Punkt: Tod und Altern sind ein Fehler im System Mensch. Wir müssen diesen nur finden und ausschalten – und schwuppdiwupp bleiben wir auf ewig jung und vital. Wenn nötig, auch als digital hochgeladenes Bewusstsein in einem künstlichen Körper. Oder als reiner Algorithmus. Oder als Fleck an der Wand.

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Das klingt natürlich verrückt. Nicht wenige überzeugte Transhumanisten lassen es sich jedoch viel kosten, ihren Körper oder auch nur ihren abgetrennten Schädel im Unternehmen von Vita-Mores Ehemann kryonisch einlagern zu lassen. Es gibt eine alternative Szene von Biohackern, die vom Menschsein so die Nase voll haben, dass sie lieber heute als morgen als Cyborg wieder auferstehen möchten; und junge Männer, die allen Ernstes davon träumen, ihren Liebeshunger mit lebensgroßen, blechern plaudernden Barbiepuppen zu stillen. „Ein persönlicher Sexbot würde mich nie betrügen, und er wäre wie eine echte Frau“, sagt einer der Protagonisten in Mark O’Connells spannender Reportagesammlung. Googeln Sie mal „personal sexbots“ – man muss es gesehen haben, sonst glaubt man es nicht.

Nun könnte man all das als abgefahrene Spinnereien einiger weniger Tech-Utopisten abtun, die aus einer schweren Pubertät direkt in eine noch tiefere Midlife-Crisis gestürzt sind und jede neue Falte als persönlichen Affront betrachten. Oder aber man könnte sich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigen – schließlich wird in die entsprechende Forschung viel Geld investiert, darunter in die mit 1 Milliarde Dollar Startkapital ausgestattete Google-Tochter California Life Company (Calico). Kürzlich ist es Wissenschaftlern sogar gelungen, in Mäuseversuchen das Altern zu verlangsamen und Medikamente zu entwickeln, die gegen die sogenannten Zombiezellen vorgehen sollen.

Tad Friend schaut sich in Die Suche nach dem ewigen Leben die verschiedenen Forschungsbemühungen an und kommt zu der ernüchternden Erkenntnis: Bisher ist es noch niemandem gelungen, den Fehler im System zu finden, den die Evolution nach Ansicht der selbst ernannten Kämpfer gegen den Tod aus reiner Nachlässigkeit übersehen hat. Auch bleiben diese eine Antwort schuldig auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihres Unternehmens: Weshalb sollte die Menschheit als Kollektiv ein Interesse daran haben, dass wenige Privilegierte – denn darauf wird es allen Beteuerungen zum Trotz hinauslaufen – ein sehr langes oder ewiges Leben genießen? Und gibt es keine dringenderen Probleme auf der Welt, in die wir wertvolle Ressourcen investieren sollten?

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In seinem Bestseller Homo Deus warnt Yuval Noah Harari jedenfalls vor den Folgen menschlicher Hybris. Unsere Sorge, so Harari, sollte weniger der Frage gelten, wie eine Minderheit immer mehr Zeit auf diesem Planeten herausschinden kann, sondern was wir mit der Mehrheit der Menschen anfangen, die in Zukunft viel zu viel Zeit zum Totschlagen haben werden: „Über Millionen von Jahren waren wir Schimpansen in verbesserter Ausführung. In Zukunft könnten wir zu Ameisen in Übergröße werden.“

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Bis es so weit ist, empfiehlt Tad Friend zwei schrecklich profane, aber dafür garantiert wirksame Methoden, um das eigene Leben zu verlängern: mit dem Rauchen aufhören (plus sechs Jahre) und im Auto anschnallen (plus zwei Jahre).

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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