getAbstract Neugierig bleiben

Einer für alle, alle für einen – Weltliteratur für Teams

Team, das bedeutet nicht immer nur „Toll, ein anderer macht´s“. Sogar auf der Bühne der Weltliteratur gibt es gute (und schlechte) Beispiele dafür, wie Teamwork funktionieren kann. Drei höchst unterschiedliche Romane zeigen dies deutlich.

Moby Dick: Gutes Teamwork bei missglückter Führung

Wer an Moby Dick von Herman Melville denkt, der denkt vor allem an starke Bilder. Tatsächlich ist die Sicht der meisten Menschen auf diesen außerordentlich langen Roman durch die zahlreichen Verfilmungen geprägt. Und wer meint, er kennt den Roman als Buch, muss sich dann doch oftmals eingestehen, dass es vielleicht nur eine der Jugendbuchadaptionen war, die er als Kind gelesen hat. Moby Dick ist nur vordergründig eine Abenteuergeschichte auf See. Das ist der Roman auch, ohne Zweifel, aber sein Autor wollte ja nichts Geringeres als eine Odyssee, eine Bibel der Nautik, eine Göttliche Komödie des Walfangs schaffen – und das alles in einem Buch. Deshalb spickte er die eigentliche Handlung mit zig Bibelzitaten, Anspielungen und seitenlangen nautischen und walkundlichen Vorträgen.

LESEN AUF GETABSTRACT

Überdies wechselt die Erzählperspektive ständig. Das macht den Roman aus heutiger Sicht modern. Im Kern handelt er vom Kampf des Menschen gegen die Natur und gegen das Böse. Das zeigt Melville vordergründig durch die Abenteuergeschichte — Käpt´n Ahab gegen den weißen Wal —, aber auch symbolisch im Kampf des Menschen gegen sich selbst. Käpt´n Ahab ist mindestens genauso grausam wie der Meeressäuger, der ihm einst das Bein und damit die Würde genommen hat. Auch wenn Ahab die schillerndste Figur ist, erzählt wird die Geschichte vom einfachen Seemann Ismael. Die Kameradschaft unter den Seeleuten lehrt bei genauem Hinsehen auch einiges über Teamwork und (missglückte) Führungsleistung. Denn Ahab lässt seine Mannschaft lange im Unklaren darüber, wohin die Reise geht. Letztlich führt sie dann ins Verderben.

Die drei Musketiere: Einer für alle, alle für einen

Noch mehr und weitaus besseres Teamplay kann man bei einem weiteren Roman ebenfalls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts beobachten. Denn der Team-Kampfruf schlechthin „Einer für alle, alle für einen“ stammt nicht von ungefähr aus Alexandre Dumas´ Die drei Musketiere. Noch so eine Geschichte, die viele vor allem durch Adaptionen, Verfilmungen, gar ein Musical kennen. Hier gibt es edle Recken, die sich prügeln, besaufen und ständig pleite sind, aber als seelenvolle Menschen sofort zur Stelle sind, wenn eine üble Intrige enttarnt oder eine unschuldige Frau aus höchster Not gerettet werden will. Die Story handelt vom Jüngling d´Artagnan, der sich in den Kopf gesetzt hat, Mitglied der Elitetruppe des Königs – der Musketiere – zu werden. Aber so einfach geht das natürlich nicht: Eine Heldentat muss her, doch das Landei verscherzt sich seinen Einstieg bei den drei Musketieren Porthos, Athos und Aramis gleich durch fast schon unglaubliche Schusseligkeit. So handelt er sich schon am ersten Tag in Paris drei Duelle ein.

LESEN AUF GETABSTRACT

Die Intrigen des bösen Kardinals Richelieu und der diabolischen Mylady de Winter schweißen die Truppe der – dann irgendwann vier Musketiere – zusammen. Dumas legt ein unglaubliches Tempo vor: Action satt sozusagen. Die Musketiere sind das perfekte Team: Jeder hat seine Spezialität (Aramis das Denken, Porthos die Kraft, Athos den Spürsinn und d´Artagnan den Wagemut) und gemeinsam sind sie unschlagbar. Weil sie trotz widrigster Umstände immer zusammenhalten, gelingt ihnen der Triumph über die Ränke schmiedenden Bösewichte. Die Gruppe ist stark, der Einzelne ist Nichts.

Das siebte Kreuz: Anstand unterm Hakenkreuz

Das kann man von den Personen in Anna Seghers´ berühmtestem Werk Das siebte Kreuz nicht behaupten. Denn hier geht es tatsächlich überwiegend um Einzelpersonen, die sich mit der Frage auseinandersetzen müssen: „Soll ich einem Flüchtling helfen und damit womöglich mein Leben oder das meiner Familie in Gefahr bringen?“ In Seghers´ „Roman aus Hitlerdeutschland“ geht es sehr viel ernster zu als bei Dumas oder Melville. Dem Protagonisten Georg Heisler gelingt die Flucht aus dem KZ nur deshalb, weil er immer wieder an Menschen gerät, die trotz der Bedrohung durch die Nazis den Anstand besitzen, ihn aufzunehmen, manchmal nur zu tolerieren, aber immer die bewusste Entscheidung treffen, ihn nicht zu verraten. Gemeinsam bilden auch sie eine Art Team, ein Netzwerk der Gerechten, das sich bewusst gegen den Terror und die Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern entscheidet – und damit der Menschlichkeit zum Sieg verhilft. Der Erfolg des 1942 veröffentlichten und im Jahr 1937 spielenden Romans erklärt sich aber auch dadurch, dass er trotz der beklemmenden Thematik immer Zuversicht ausstrahlt. Die Montage von gleichzeitigen Ereignissen erzeugt außerdem einen atemlosen Fluss der Handlung, der die Leser unmittelbar packt und mitreißt.

LESEN AUF GETABSTRACT

Unser Tipp: Michael Sommer und sein Playmobilensemble präsentieren alle drei Romane als unterhaltsame Kurzversionen bei „Sommers Weltliteratur to go“. https://www.youtube.com/user/mwstubes

Christian Mascheck

Christian Mascheck schreibt seit 2000 für getAbstract und hat annähernd 300 Wirtschafts- und 200 Klassiker-Abstracts verfasst. Er arbeitet als freier Journalist, PR-Berater und Content-Marketing-Spezialist in Hamburg.

%d Bloggern gefällt das: