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Kindererziehung ist wie modernes Mentoring. Oder?

Ich habe zwei wunderbare Töchter: Die eine ist 12, die andere 9 Jahre alt. Aber wie alle Eltern stoße ich immer wieder an meine Grenzen: Warum nur kochen im Umgang mit ihnen so oft meine Emotionen hoch? Vielleicht sollte ich mir in Erziehungsfragen eine professionellere Haltung zulegen? Nicht umsonst wird die Kinder- und Teenagererziehung in der englischsprachigen Literatur oft mit Mentoring verglichen. Guten Mentoren und Eltern, heißt es oft, gelingt es, die Dinge aus der Perspektive ihres Mentees oder ihrer Kinder zu betrachten. Sie erklären immer die Motivation hinter ihren Handlungen und Aufgabenstellungen. Und sie lassen ihre Schützlinge aus Fehlern lernen, anstatt jeder kritischen Situation zuvorzukommen. So weit, so nachvollziehbar (wenn auch leichter gesagt als getan).

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Deutschsprachige Buchautoren halten sich beim Mentoring/Elternschaft-Vergleich eher bedeckt. Warum eigentlich? „Nicht jede Führungskraft verfügt über die notwendige Empathie und Geduld, die zeitlichen Ressourcen oder die Bereitschaft, das eigene Wissen zu teilen“, schreiben die Autorinnen von Mentoring – im Tandem zum Erfolg. Klar, denn anders als ein Mentor habe ich keine andere Wahl, als mein Wissen über Aufräumtechniken mit meiner Ältesten zu teilen – egal wie vergeblich die Liebesmüh auch ist. Die Autorinnen mahnen zudem: „Bei der Zusammenstellung der Tandems ist besonders darauf zu achten, dass keine direkte oder indirekte Verbindung zwischen Mentee und Mentor besteht.“ Nun gut, geschenkt.

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Also weitersuchen. „Mentoring-Beziehungen durchleben in ihrer Laufzeit verschiedene Phasen“, schreiben Ursula Liebhart und Daniela Stein in Professionelles Mentoring in der betrieblichen Praxis. Und ob! Wo sind nur die süßen Mäuse geblieben, die ohne Gutenachtgeschichte nicht einschlafen konnten? Aber auch: „Wichtig ist, dass der Mentor nicht in der hierarchischen Berichtslinie des Mentees steht.“ Da muss ich als Mutter entschieden widersprechen – egalitärer Erziehungsstil hin oder her. Wenn morgens um zwei noch das Licht bei ihnen brennt, dann geht ohne hierarchische Berichtslinie gar nichts. Und damit basta!

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Ein letzter Versuch. In Die Kunst des guten Ratschlags behandeln die Autoren die Beziehungen zwischen Ratsuchenden und Ratgebern im weitesten Sinne. Die Professoren der Harvard Business School bemängeln, dass Ratgeber gern ihre Kompetenzen überschätzen, sich häufig nur unzureichend in die Situation ihres Gegenübers einfühlen können, schlecht formulierte Ratschläge geben oder erwarten, dass Ratsuchende ihre Empfehlungen zu 100 Prozent umsetzen. Bingo, hier würden wiederum meine Töchter emphatisch zustimmen. Vielleicht liegt es daran, dass Amerikaner einfach mehr mit der Idee vom Mentoring als Erziehungsstil anfangen können?

Mein Fazit: Moderne Mentoring-Programme sind für Unternehmensgründer, Führungskräfte und Mitarbeiter durchaus erfolgsentscheidend. In den erwähnten Werken lassen sich jede Menge hilfreiche Tipps zum Thema finden. Aber wenn mir als Mutter demnächst wieder die Hutschnur hochgeht, werde ich mich wohl auf andere Ratgeber verlassen müssen.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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