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Geteilte Verantwortung – oder verteilte Last?

Am heutigen 20. Juni ist Weltflüchtlingstag. Zeit für eine Zwischenbilanz: Knapp 32 080 Menschen sind in den ersten fünf Monaten dieses Jahres über das Mittelmeer in die EU gelangt. 660 starben dabei. Insgesamt hat sich die Zahl der Bootsflüchtlinge verglichen mit 2017 mehr als halbiert. Nach Italien kamen sogar 78 % weniger Menschen. Dafür verdoppelte sich die Zahl derer, die über die westliche Route Spanien erreichten. Und: Seit Beginn des Jahres erlebt die Balkanroute ein Comeback: 6700 registrierte Flüchtlinge in nur 150 Tagen, verglichen mit 2600 im Gesamtjahr 2017.

Italien will 500 000 Illegale sofort abschieben. Nur wie?

Es scheint, als funktionierten selbst schmutzige Deals mit der Türkei und Libyen nur begrenzt: Ist ein Fluchtweg versperrt, weichen die Menschen auf andere aus. Insofern sind aquatische Analogien wie „Flüchtlingswellen“ und „Flüchtlingsströme“ zutreffend, schließlich findet auch Wasser immer einen Weg. Und die Politik? Innerhalb der EU streitet man sich immer noch ergebnislos über eine faire „Lastenverteilung“. Und in Rom wird voller Genugtuung registriert, dass man in Brüssel und Berlin angesichts der wirtschaftspolitischen Pläne der frisch gekürten Regierung aus Links- und Rechtspopulisten zwar in Schnappatmung verfällt – dass aber die Pläne zur sofortigen Abschiebung von 500 000 Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung stillschweigend begrüßt werden (Verschwiegen wird allerdings, wie das funktionieren soll: Gemessen an der heutigen Abschiebungspraxis würde die Rückführung von so vielen Menschen rund 83 Jahre dauern).

Die Flüchtlingsströme nach Europa sind eigentlich ein Rinnsal

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Angesichts solcher Abgründe stehen Menschen wie UN-Generalsekretär António Guterres mehr denn je auf verlorenem Posten, auch mit vernünftigen Aussagen wie dieser: „This is not about sharing a burden. It is about sharing a global responsibility, based not only on the broad idea of  our common humanity but also on the very specific obligations of international law.“
Die Frage, wie gigantische Fluchtbewegungen bewältigt werden können, treibt den europäischen Kontinent seit Jahrhunderten um. Allerdings flohen die Menschen ursprünglich vor Kriegen und politischer Verfolgung aus und innerhalb von Europa – nicht dorthin. Daran erinnert Philipp Ther in seiner aufschlussreichen Langzeitstudie Die Außenseiter immer wieder und er macht deutlich, dass die heutigen Ströme verglichen mit den 30 Millionen Menschen, die nach 1945 in Europa auf der Flucht waren, ein Rinnsal sind. Sein Befund: „Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge (und andere Migranten) historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen, und ein Motor wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen.“

Integration ist möglich

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Pragmatisch in die Zukunft blicken auch die Autoren von Flüchtlinge im Unternehmen. Sie sprechen aus, was die Bedenkenträger der meisten deutschen Parteien verschweigen: Deutschland bleibt gar keine Wahl, als die geflüchteten Menschen dauerhaft zu integrieren, um die demografische Lücke auf dem Arbeitsmarkt zu schließen. Schon heute fehlen rund 3 Millionen Arbeitskräfte. Und nein, das wird ohne große Anstrengungen und gezielte Aus- und Fortbildungsmaßnahmen nicht gelingen. Welche Maßnahmen das sind und wie man sie in die Praxis umsetzt, davon handelt der Ratgeber Berufliche Integration von Flüchtlingen und Migranten. Dass die Mammutaufgabe gelingen kann, beweisen zahlreiche Fallstudien, die Ruth Lemmer in Viel geschafft am Beispiel der Integrationsbemühungen bei SAP darlegt.

Natürlich ist damit das Flüchtlingsproblem auf europäischer oder gar globaler Ebene nicht gelöst. Aber allen Unkenrufen von rechts und links zum Trotz: Es ist nie verkehrt, an die Macht des Möglichen zu glauben.

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Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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