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„Alles neu macht der Mai …

… macht die Seele frisch und frei!“ Für preußische Zweitklässler gehörte dieses Liedchen (Melodie: „Hänschen klein, ging allein …“) bis vor dem Ersten Weltkrieg zum Schulpflichtprogramm. Und während es die Kleinen ermunterte, raus aus dem Haus und hinein in den Schoß von Mutter Natur zu wandern, blieben deren leibliche Mütter vermutlich mit Waschschlegeln und Staubwedeln zurück: Der Frühjahrsputz stand an. Damals mussten die Hausfrauen vor allem dem Kohle- und Aschestaub zu Leibe rücken, der sich in den langen Wintermonaten über die Wohnungseinrichtung gelegt hatte. Und heute? Da nehmen wir das Großreinemachen gerne zum Anlass, einmal gründlich zu entrümpeln und auszumisten. Zum Beispiel nach der Drei-Kisten-Methode: In die erste kommt alles, was weg muss; in die zweite alles, was Sie behalten möchten; und in die dritte das, was für ein Jahr in den Keller wandert – was Sie nach Ablauf dieser Frist nicht vermisst haben, landet beim nächsten Frühjahrsputz im Müll.

Kampf gegen Krimskrams und Kisten

Eine uralte Tradition liegt damit mal wieder voll im Trend oder wurde neu erfunden. Die japanische Bestsellerautorin Marie Kondo hat mit ihrer radikalen Methode (behalte nur das, was glücklich macht) im Englischen sogar einen neuen Begriff geprägt: „Kondo-ing“. Die Schwedin Margareta Magnusson hat dem nun mit „Döstädning“ einen neuen hinzugefügt. Lose übersetzt bedeutet das „Aufräumen vor dem Tod“, und verbunden damit ist vor allem ein Appell an die Verantwortung gegenüber denen, die zurückbleiben. Schließlich sind sie es, die nach dem Tod der Angehörigen den Kampf mit Krimskrams und Kisten ausfechten müssen. Wie jede Bewegung hat auch diese längst eine Gegenbewegung auf den Plan gerufen: Egal ob Kondo-ismus, Minimalismus oder Frugalismus – ein gesundes Misstrauen gegenüber den neuesten Ismen ist angebracht. Einige Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass man sich das wohlstandsgesättigte Wegwerfen und den wohlfeilen Verzicht erst einmal leisten können muss: Minimalisten ziehen in der Regel aus schicken Lofts in abgefahrene „Tiny Houses“ statt in schäbige Wohnwagensiedlungen.

Strategien gegen Aktenhaufen und Notizzettelstreu

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Dennoch: Ein wenig Kondo-ing und Döstädning schadet sicher niemandem. Und das fängt am eigenen Arbeitsplatz an. In Nie wieder Stapel gibt die Organisationsexpertin Nicole Sehl Tipps, wie Sie endlich dem Chaos aus Papierbergen, Aktenhaufen und Notizzettelstreu auf Ihrem Schreibtisch zu Leibe rücken. Denn im Grunde unterscheiden sich diese kaum von den fünf hässlichen Pullis, die seit Jahren ungetragen im Kleiderschrank vor sich hin modern: Es handelt sich um Besitz. Der gibt Sicherheit und steigert das Selbstwertgefühl. Deshalb können wir uns nur schwer von ihm trennen.

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„Keiner hat die Zeit zum Aufräumen – aber jeder hat die Zeit zum Suchen.“ So beschreibt Jürgen Kurz in Für immer aufgeräumt die beklagenswerte Praxis in den meisten Büros. Er rät, die Ausmistbemühungen mit Vorher-nachher-Fotos zu dokumentieren und möglichst große Müllbehälter aufzustellen. Denn Aufräumen, so seine Überzeugung, wirkt ansteckend. (Ob der Mann eigene Kinder im Teenageralter hat?)

Reparieren statt konsumieren

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Und wenn Sie nach dem Entrümpeln im Büro oder zu Hause vor dem nächsten Impulskauf eines zukünftigen Wegwerfobjekts stehen, dann halten Sie kurz inne und lesen das Abstract über die Herrschaft der Dinge: Frank Trentmanns aufschlussreiche Geschichte des Konsums regt zum Umdenken an – weg von immer mehr, hin zu weniger Dingen, die wir dafür länger nutzen.

Auch in diesem Sinne gilt: Alles neu macht der Mai!

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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