getAbstract Neugierig bleiben

Nachlese am Welttag des Buchs

Was hat uns Literatur heute noch zu sagen? „Nichts“, würden die meisten Schüler einer durchschnittlichen neunten Klasse antworten (Ausnahmen bestätigen hier wie immer die Regel). Und was die Beschäftigung mit Geschichte? Dito. Wer kann es der Generation YouTube auch schon verübeln, schließlich führt Literatur selbst in bildungsbeflissenen Haushalten oft ein Randdasein: Sollte der Nachwuchs viel lesen und so langfristig seinen Marktwert steigern? Unbedingt. Deshalb liegt zu Weihnachten mindestens ein Buch auf dem Gabentisch. Aber Literatur als Hilfe zur Lösung drängender aktueller Probleme? Na ja.

Auch die Buchbranche wird allmählich nervös: 2016 schaffte es das Bücherlesen nicht mehr auf die Liste der 14 häufigsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Laut einer Umfrage gucken sie am allerliebsten Fernsehen, die Jüngeren vorwiegend im Internet. Sogar Ausschlafen oder Kaffeetrinken laufen dem Lesen den Rang ab. Da möchte der Büchernarr am liebsten rufen: Am besten schmeckt der Kaffee mit einem Buch!

Um zu erkennen, was uns die Dichter und Denker aller Epochen heute zu sagen haben, genügt ein kurzer Spaziergang durch den Klassikerkanon:

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Zukunft der Arbeit: In Die Verwandlung beschreibt Franz Kafka den Albtraum eines gewissenhaften Handelsvertreters, der plötzlich als unproduktives Mitglied der Gesellschaft und somit als Ungeziefer aufwacht. Eine bedrückende Geschichte über Abstiegsängste, Entfremdung und Anpassungszwang. Und ein einzigartiges Fenster in die Gefühlswelt von Menschen, die unter lähmenden Depressionen leiden.

 

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#MeToo: „Die bedeutendste Kunst ist auf fantastische Weise trügerisch und komplex“, sagte Vladimir Nabokov über sein Meisterwerk Lolita. Getreu dieser Maxime schafft er es, zunächst Sympathien für einen Pädophilen und Vergewaltiger zu wecken – bevor einem vor Abscheu übel  wird. Eine Geschichte über Sex und Machtmissbrauch, welche die allzu häufige Verteidigung der Täter – „Ich erinnere mich ganz anders an die Sache“ – in einem neuen Licht erscheinen lässt.

 

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Krieg & Kapitalismus: Pech für den kriegsmüden Bomberpiloten Yossarián, der sich für verrückt erklären lassen will, um so dem Krieg zu entkommen. Und der gerade deshalb weiterfliegen muss, denn jemand, der da raus will, kann ja nicht verrückt sein. Kaum jemand hat die Absurdität des Krieges besser auf den Punkt gebracht als Joseph Heller in seiner bitterbösen Satire Catch 22. Mit Milo Minderbinder schuf er außerdem den Prototyp des Kriegsgewinnlers, der den Soldaten schokoladenglasierte Wattebällchen zum Fraß vorsetzt, um seine irrtümlich erworbenen Überkapazitäten an Watte möglichst profitabel loszuwerden.

 

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Zukunft der westlichen Demokratien: Zu Unrecht wird Niccolò Machiavelli auf seine vermeintliche Rechtfertigung der skrupellosen Gewaltherrschaft reduziert. In Wahrheit war das Pamphlet Der Fürst eine (vergebliche) Stellenbewerbung an Lorenzo di Medici. In den Discorsi entwarf Machiavelli hingegen verblüffend pragmatische Gesellschafts- und Staatsmodelle, die den Menschen so nehmen, wie er ist – und nicht so, wie er idealerweise sein sollte. Jedes Modell kann sich laut Machiavelli in sein Negativ verkehren, und die Demokratie kann in eine Herrschaft des Pöbels ausarten. Es gelte, aus der Geschichte zu lernen, um  das zu verhindern.

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Lesen führt uns in fremde Welten und lässt uns in neue Häute schlüpfen, die Emotionen anderer verstehen, Empathie empfinden und Vorurteile abbauen – auf eine Weise, wie es keine Netflix-Serie und kein YouTube-Video vermag. „Fiktionale Literatur macht uns zu besseren Menschen“, titelte ze.tt, ein Onlinemagazin von und für Millennials. Ob diese Ansage einen lesefaulen Teenager vom Bildschirm weg zum Buch locken kann, bleibt dahingestellt. Einen Versuch ist es allemal wert.

Gundula Stoll

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang.

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