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Wir sitzen uns zu Tode. Oder?

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So, jetzt aber Rücken gerade machen, Gesäßmuskeln anspannen oder am besten gleich strammstehen! Denn: Sitzen ist das neue Rauchen. Selbst Eckart von Hirschhausen, Deutschlands lustigster Arzt, warnte kürzlich ganz ernst in einem GALA-Interview vor der angeblichen „Volkskrankheit“. Und neue Variationen des Bildnisses von der menschlichen Evolution zeigen den aufrecht schreitenden Homo sapiens auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung als kraftstrotzenden Jäger mit Lanze in der Hand, während er am Ende als Homo sedentarius mit Rundrücken vor dem Computerbildschirm vegetiert.

Vor dem Rechner stehend 1300 Kalorien verbrennen

Physiotherapeut Kelly Starrett zitiert in seinem Buch viele Studien. Eine kam zu dem Ergebnis, dass über 25-Jährige mit jeder Stunde vor dem Fernseher 21,8 Minuten von ihrer Lebenserwartung verlieren – eine Zigarette verringert sie dagegen „nur“ um 11 Minuten. Vielsitzer erkranken eher an Herzleiden, Diabetes oder Krebs; und im Büro Sitzende verbrennen rund 300 Kalorien, während es bei Steharbeitern 1300 sind. Falls Sie jetzt denken: „Kein Problem, ich gehe ja regelmäßig laufen oder ins Fitnessstudio“ – dann sollten Sie das laut Starrett lieber überdenken. Denn Sport ändert nichts an den negativen Sitzfolgen. Vielmehr müssen Sie Arbeit und Freizeit ganz neu denken: Am Bürotisch stehen (notfalls den PC auf Kisten stellen), vor dem Fernseher Dehnübungen machen, pro 30 Minuten Sitzen mindestens 2 Minuten bewegen, Wirbelsäule verankern, den Bewegungsapparat mobilisieren.

Sitzende Säuglinge sind schneller schlau

Aber sind das ernstzunehmende Studien und Ratschläge? Oder wird hier nur wieder eine neue Lifestyle-Sau durchs Dorf bzw. die Büroviertel getrieben, an der sich Trainer, Orthopäden und Hersteller von Spezialmöbeln eine goldene Nase verdienen? Zweifel sind angebracht. So basieren die meisten Untersuchungen zum Thema auf Daten, die mittels Fragebogen erhoben wurden – eine notorisch unzuverlässige Methode. Außerdem täuschen Wechselwirkungen mit Faktoren wie Ernährung und Übergewicht möglicherweise einen Zusammenhang vor, wo keiner ist.

Tatsächlich ist das Sitzen ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Entwicklung: Babys etwa lernen deutlich besser und schneller im Sitzen als im Liegen. In Afrika ermuntern viele Mütter ihre Säuglinge sogar zu sitzen, wenn diese aus eigener Kraft noch nicht dazu in der Lage sind – eine Praxis, vor der in Industrieländern dringend abgeraten wird. Angeblich, weil das Haltungsschäden verursache. Tatsächlich leiden früh sitzende afrikanische Babys aber nicht darunter, sondern profitieren von einer schnelleren motorischen Entwicklung, bekannt unter dem Begriff „African Infant Precocity“.

Die goldene Mitte

Die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Zinkant schreibt: „Der Mensch kann sitzen, so viel steht fest. Er sollte es sogar tun, denn Stehen ist auf Dauer auch nicht gut: Es macht müde, das Blut sackt in die Venen runter, die Beine schwellen an.“ Verkaufspersonal im Einzelhandel oder Barkeeper können ein Lied davon singen. Wahrscheinlich gibt es einige Berufssteher, die gerne mit den Bürosesselpupsern tauschen würden. Zumindest für ein paar Stunden. Laut einer Studie verbringen die Deutschen jedoch 50 bis 70 Prozent des Tages im Sitzen – je jünger, desto länger. Dass das der Gesundheit nicht förderlich ist, ahnt jeder, auch ohne sich auf Aristoteles zu berufen. Zur Entspannung sei er an dieser Stelle dennoch zitiert: „So meidet denn jeder Kundige das Übermaß und den Mangel und sucht und wählt die Mitte.“

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