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Bunte Revolution: Homosexuelle in Wirtschaft und Gesellschaft

Lange wurden Homosexuelle durch Klischees definiert, kollektiv verachtet und aus der Öffentlichkeit ausgegrenzt. Heute, meint man, seien Schwule und Lesben doch längst anerkannt und gleichberechtigt. Oder etwa nicht? Ein genauer Blick in die Gesellschaft zeigt: Der Weg zu echter Chancengleichheit ist noch weit. Im Kampf um Normalität haben sich Homosexuelle als engagierte Leistungsträger erwiesen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft viel erreicht haben, betont Jens Schadendorf in seinem Buch.

getAbstract: Herr Schadendorf, Ihr Buch Der Regenbogen-Faktor wurde von getAbstract speziell Personalverantwortlichen in Unternehmen empfohlen, die Diversity als Chance sehen. Haben Sie von dieser Zielgruppe Feedback zu Ihrem Buch bekommen, und wenn ja, wie sah dieses aus?

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Ja. Zum einen lädt man mich immer wieder ein, um in Unternehmen, Verbänden oder Universitäten zu lesen oder meine Thesen bei Diversity-Veranstaltungen zu diskutieren. Nicht selten mit HR-Managern, Personalchefs oder auch Vorständen. Einige mailen mir aber auch, ihr Unternehmen sei noch nicht so weit, das Versprechen, ein offenes, jedermann und jede Frau wertschätzendes Arbeitsklima zu gewährleisten – das der Diversity-Gedanke ja beinhaltet – auch wirklich zu halten.

getAbstract: Wie beurteilen Sie die Situation von Schwulen und Lesben angesichts des konservativen Backlash etwa in Teilen der USA, Deutschlands oder Frankreichs?

Das Bild ist komplex. Nehmen wir die Parteienlandschaft. Es gibt ohne Zweifel verstärkten Rechtspopulismus – auch -extremismus –, der, wie es aussieht, die Diskussionskultur nachhaltig verändern könnte. Dabei kommt es auch zu erstaunlichen „Ungleichzeitigkeiten“. AfD-Spitzenfrau Alice Weidel etwa ist offen lesbisch und lebt mit ihrer Regenbogenfamilie in der Schweiz. Nicht wenige enge Berater von Front-National-Chefin Marine Le Pen sind schwul; unter Le Pens Vater Jean-Marie, ihrem bekanntlich rassistischen, antisemitischen und homophoben Vorgänger, wäre das undenkbar gewesen. Dabei sind weder die AfD noch der Front National für Minderheitenfreundlichkeit bekannt, die politisch ja auch für Liberalität steht. Andererseits gibt es auch Gegenbewegungen, die für diversitätsorientierte Werte kämpfen. Ob die westlichen Gesellschaften angesichts wachsender ökonomischer und sozialer Unsicherheiten sowie muslimischer Migranten langfristig insgesamt konservativer werden – was nicht nur Auswirkungen auf Schwule und Lesben hätte, sondern etwa auch auf die Stellung von Frauen insgesamt –, muss abgewartet werden. Für international agierende Unternehmen wäre das aber keine gute Entwicklung, denn sie sind in einer globalisierten Welt auf das Leben von diversitätsorientierten Werten wie Toleranz, Respekt vor dem Fremden, Offenheit und Liberalität angewiesen.

getAbstract: Sie nennen in Ihrem Buch einige Unternehmen, in denen eine schwulen- und lesbenfreundliche Kultur herrscht. Täuscht der Eindruck, dass das überwiegend etablierte Konzerne sind, während die sonst bejubelten Silicon-Valley-Unternehmen in puncto Diversity noch große Defizite haben?

In der Tat scheint dort der heterosexuelle weiße Mann unter – sagen wir – 40 oder 45 Jahren die Norm zu sein. Aber ist das auch so? Apple-CEO Tim Cook etwa lebt offen schwul, Google und Facebook sind bei LGBT-Karriereevents und Gay-Pride-Paraden präsent, bis hin zu Marc Zuckerberg. Das allein reicht natürlich nicht. Aber all dies ist für noch junge, schnell wachsende Weltunternehmen nicht schlecht. Wo sehen wir das in „reifen“ Großkonzernen hierzulande?

getAbstract: Ihr Buch erschien 2014. Da war Papst Franziskus gerade ein Jahr im Amt. Sehen Sie seitdem eine Veränderung in der restriktiven Haltung der katholischen Kirche zum Thema Homosexualität?

Franziskus I. hat bei diesem Thema einen offeneren Ton in die katholische Kirche gebracht. Wird der nachhaltig sein? In Deutschland gibt es kleine Anzeichen dafür. Aber in der Weltkirche? Der Papst ist alt. Was, wenn, wie immer wieder gemutmaßt wird, sein Nachfolger aus Afrika kommt – einem Kontinent, auf dem der katholische Glaube der Menschen kaum mit den liberalen Werten des Westens in Berührung gekommen ist? Auch die Kurie hat immer noch starke Änderungswiderstände. Gut möglich, dass das Imperium bald zurückschlägt.

getAbstract: Was wünschen Sie sich von den deutschen Unternehmen?

Da gäbe es einiges, vor allem, was die Elemente eines zielgerichteten Diversity Managements angeht. Lassen Sie mich hier mit einem provozieren: Ich wünsche mir ein „Massen-Coming-out“ von Topmanagern, Geschäftsführern und Vorständen – während sie noch im Amt sind! Deutschlands Top Dogs sind in dieser Hinsicht im Vergleich mit anderen westlichen Ländern, etwa USA und Vereinigtes Königreich, doch – mit Verlaub – ziemlich zurückhaltend. Dass sie in einem trotz aller Fortschritte noch vorurteilsbesetzten Umfeld Karrierenachteile befürchten, ist verständlich. Aber wenn nicht sie vorangehen, wer sonst? Und wenn sie es alleine nicht schaffen, dann eben im Kollektiv. Käme es dazu, dann gäbe es eine Zeit lang medialen Hype. Aber bald darauf wäre der vorbei und alle würden motivierter arbeiten als je zuvor. Denn wegen der großen Symbolkraft wäre dies ein großer, mutiger Führungsbeitrag für ein offenes Arbeitsklima, in dem jeder nach Maßgabe von Fähigkeiten und Fleiß etwas werden kann – zum Nutzen des Einzelnen und des Unternehmens, zum Vorteil einer humaneren, faireren und innovativeren Gesellschaft und ebenfalls zum Vorteil nachfolgender Generationen.

Über Jens Schadendorf

Jens Schadendorf, geboren 1962 in Hamburg, ist publizistischer Unternehmer, Autor und freier Forscher am Stiftungslehrstuhl für Wirtschaftsethik der TU München. Er studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg und Fribourg und forschte danach mit einem Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds in Singapur und Bangkok zum Zusammenhang zwischen Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung.

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