EUs60th-GER-Blog

„Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten“, forderte Winston Churchill 1946 in seiner berühmten Züricher Rede. Als elf Jahre danach die Römischen Verträge als Gründungsdokument der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) unterzeichnet wurden, saßen die Briten noch nicht mit am Tisch. Heute, zum 60-jährigen Jubiläum am 25. März 2017, sitzen sie nicht länger dort. Ihr leerer Stuhl ist zum Sinnbild einer existenziellen Krise geworden: Es geht die Angst um, dass sich bis zum Jahresende weitere Stühle leeren könnten und das ganze europäische Haus in sich zusammenfällt.

Was ist geschehen? Vor 60 Jahren war die Erinnerung an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch frisch. Die Gründungsmaxime der europäischen Einigung lautete: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg – denn beide verursachen nicht nur unendliches Leid, sondern sind auch schlecht fürs Geschäft. Natürlich ging es Frankreich auch darum, der Bundesrepublik mitten im Wirtschaftswundergalopp Zügel anzulegen und den ehemaligen Erzfeind in eine gemeinsame, europäische Richtung zu lenken. Es war ein pragmatisches Kalkül, und es funktionierte.

Doch nun ist der Karren in den Dreck gefahren. Anstatt den Einfluss der Bundesrepublik in der EU zu beschränken, hat der Euro es Deutschland in den Augen vieler ermöglicht, sich als Tyrann aufzuspielen. Für viele Südeuropäer ist die Lage klar: Erst fraß der Teuro ihre Löhne auf, und dann mussten sie sich auch noch als Faulpelze beschimpfen lassen. Dagegen wissen die (N)eurotiker aus dem Norden scheinbar ganz genau, wie der Hase läuft: Die gemeinsame Währung hat sie zum Zahlmeister Europas gemacht, und die Nullzinspolitik der EZB bringt sie um ihr sauer Erspartes.

Verhärtete Fronten, wohin man blickt. Sogar die europäische Jugend ist sich in wichtigen Punkten uneins: Zwar lieben, laut einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung, die 15- bis 24-Jährigen in Österreich, Deutschland, Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn die EU für den Frieden und die Freizügigkeit, die sie ihnen bietet – die Freiheit, in Europa zu reisen und zu arbeiten, wo sie wollen. Doch knapp drei Viertel der osteuropäischen Jugendlichen sind dagegen, Kriegsflüchtlingen und Asylsuchenden Schutz zu gewähren. In Deutschland sprechen sich immerhin 73 Prozent, und in Österreich 61 Prozent der jungen Leute dafür aus. Friede, Freude, Eigennutz – wenn das der neue europäische Dreiklang sein soll, dann gute Nacht.

Aber es geht auch anders. Das beweisen gerade Tausende europäische Bürger, die jeden Sonntag für die Initiative „Pulse of Europe auf die Straße gehen: Für Frieden, Rechtsstaatlichkeit und den Erhalt freiheitlicher Grundrechte. All das ist nicht selbstverständlich, und in einigen EU-Staaten werden mühsam erkämpfte Rechte gerade schleichend abgeschafft. Mit Wochenendspritztouren und fröhlichem Airbnb-Hopping zwischen Berlin, Budapest und Barcelona ist es jedenfalls nicht getan.

In der Gestalttherapie gibt es die „Technik des leeren Stuhls“: Ein unbesetzter Stuhl kann darin als Platzhalter für eine abwesende Person dienen, mit der man einen Dialog beginnt, um sich der eigenen Motive und Ziele bewusst zu werden. Der von den Briten verlassene Stuhl könnte also womöglich etwas Gutes bewirken. Die EU-Staaten und ihre Bewohner könnten ihn zum Anlass nehmen, um einander zu fragen: Was bringt uns die Europäische Union? Wie ginge es uns ohne sie? Wollen wir Churchills Vereinigten Staaten von Europa? Wenn ja: wie? Wenn nein: was dann?

Unsere Leseempfehlungen für Sie zu diesen und anderen Fragen:

 Warum Europa eine Republik werden muss!
Eine politische Utopie
Ulrike Guérot
Verlag J.H.W. Dietz, 2016
 Europa am Abgrund

Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa
Brendan Simms und Benjamin Zeeb
C. H. Beck, 2016
 Die neue Völkerwanderung
Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten
Asfa-Wossen Asserate
Propyläen, 2016
 Die neue Odyssee
Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise
Patrick Kingsley
C. H. Beck, 2016
 Der Euro
Von der Friedensidee zum Zankapfel
Hans-Werner Sinn
Hanser, 2015

 

Gundula Stoll

About 

Gundula Stoll liest und schreibt seit Anfang 2000 für getAbstract – eine ganze Bücherwand lang. Sie lebt als freie Journalistin und Übersetzerin in Italien.

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